Die Stadtkirche und ihre Baugeschichte

Außenansicht der Stadtkirche

Das Gotteshaus der Evangelischen Kirchengemeinde Gaildorf hat im Laufe der Jahrhunderte viele Veränderungen erfahren.

Nach Stadtbrand 1868 und Kriegszerstörung 1945 ist als wirklich alt nur der Chorübriggeblieben. Der Schlussstein im Kreuzgewölbe nennt die Jahreszahl 1521.

Kunstgeschichtlich wertvoll sind die Epitaphe der Schenken von Limpurg aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Sie erinnern zusammen mit dem benachbarten Wasserschloß daran, dass Gaildorf Zentrum der ehemaligen Grafschaft der Reichserbschenken und somit eine kleine Residenz gewesen ist.

Die Mutterkirche steht in Münster

Ältester kirchlicher Mittelpunkt der hiesigen Bevölkerung ist freilich seit den Zeiten der Christianisierung das 2 km kocheraufwärts gelegene Pfarrdorf Münster, dessen Kirchlein, zumindest im Äußeren mit dem romantischen Turm, zu den entzückendsten Bauwerken unserer Gegend gezählt werden muss. Münster ist auch als Siedlung wesentlich älter als Gaildorf, das später in einer Urkunde als »das Städtlein bei Münster« bezeichnet wird. Die Gaildorfer Bürger, 1255 erstmals erwähnt, waren nach Münster eingepfarrt, und sie sind nach Angabe des Historikers Heinrich Prescher bis 1710 dort begraben worden. 

Dies ist bemerkenswert, denn Gaildorf hatte 1404 durch König Ruprecht von der Pfalz Stadtrecht erhalten, und schon 1433 war die Pfarrei Münster in das Städtlein Gaildorf verlegt worden, wo von 1437 an auch die Münsteraner Pfarrer wohnten. Warum die Filialkirche so lange die Totenkirche für die Gaildorfer blieb, ist ungeklärt.

Marienkapelle als Ursprung

Die Stadtkirche Gaildorf geht auf eine Marienkapelle zurück, die Elisabeth von Hohenlohe, Witwe des Schenken Friedrich III., und ihr mitregierender Sohn Konrad im Jahre 1417 gestiftet hatten.

Sie war zunächst der Mutterkirche Münster unterstellt. In ihr wurden neben der Jungfrau Maria, auch die Heiligen Fabian, Sebastian, Vitus, Georg, Pantaleon, Sixtus, Antonius, Valentinus und Wendolin verehrt. Sie wurden angerufen als Patrone der Töpfer, der Schützenbruderschaften, für kränkliche Kinder, gegen Viehseuchen, Veitstanz, Fallsucht, Hysterie, Augenkrankheiten und Blindheit, bei Fieber und in Kriegsgefahr, als Schutzherr der Ärzte, für Gedeihen von Trauben und Bohnen, gegen die Pest und andere ansteckende Krankheiten - kurzum als Schutzherren für Menschen, Flur und Vieh. Damit war die gesamte bäuerlich-bürgerliche Lebenswelt dem Schutze der genannten Märtyrer empfohlen. 

Über das Aussehen der Marienkapelle wissen wir nichts.

Zur Finanzierung der frühen Gaildorfer Kapelle sind nach Meinung des Heimatforschers Emil Dietz vermutlich Güter der von den Schenken aufgegebenen alten Klause zu Unterlimpurg bei Schwäbisch Hall verwendet worden. 

1435 hätten wiederum, wie eine versteckte Inschrift an Chor erweise, Bauarbeiten an der Marienkapelle stattgefunden. 1518 sei das Langhaus, 1521 der Chor - wahrscheinlich von einem Gmünder Meister - im spätgotischen Stil umgebaut worden. An den Baukosten beteiligten sich - wie übrigens auch später immer wieder, sogar beim Wiederaufbau nach 1945 - die umliegenden Gemeinden. Im 16. Jahrhundert sind Spenden der»Heiligenpfleger« ( = kirchlichen Vermögensverwalter) in Münster und Heerberg zugunsten des Gaildorfer Kirchbaus nachgewiesen. 

Die Schenken stifteten 1519, 1522 und 1532 die Glasgemälde für den Chor der vergrößerten Kirche. Außer den Stiftern Schenk Christoph I. ( + 1515) und seiner Gemahlin Agnes von Werdenberg waren die Heiligen Barbara, Maria, Christopherus und Sebastian darauf dargestellt. Diese Kirchenfenster sollen sehr prachtvoll gewesen sein. Sie wurden beim großen Stadtbrand von 1868 zerstört.

»Hofkirche« der Reichserbschenken

Epitaph der Schenken von Limpurg

Es ist überhaupt anzunehmen, dass der Bau der Gaildorfer Kirche in enger Verbindung mit der Geschichte der Schenken von Limpurg gesehen werden muss. Denn als die Schenken den Schwerpunkt ihrer Herrschaft von ihrem Stammsitz, der Limpurg vor den Toren Schwäbisch Halls, nach Gaildorf verlegten, war es ihnen ein Bedürfnis, die neue Residenz mit entsprechenden Bauten zu schmücken.

So entstand das Alte Schloß, ein vierflügeliger Bau, der spätestens 1482 begonnen wurde. Und so kam es auch zur Vergrößerung und Verschönerung, man darf wohl sagen zum Neubau einer »Hofkirche« der Reichserbschenken. Man nimmt an, dass der Kirchturm in der Zeit von 1440 auf 1450 gebaut wurde. Seine gewaltigen, festungsartigen Mauern waren so stabil, dass sie trotz zweier Großbrände (1868 und 1945) erst Ende der 60er Jahre des Vergangenen Jahrhunderts ausgebessert werden mussten.

Jedenfalls erhielt unsere Stadtkirche um die Wende von 15. zum 16. Jahrhundert das Aussehen, das sie im wesentlichen bis zum Stadtbrand 1868 gehabt hat. Die Reformation, so viel ist gewiß, ist in Gaildorf ohne Bildersturm vorüber gegangen.

Empore, Turm und Orgel

Im Inneren hatte die Kirche ursprünglich nur eine Empore am Turm. Erst 1589 wurde eine zweite errichtet. Zu diesen Bauarbeiten musste der»Heiligenpfleger« Großaltdorf 5 Gulden geben. Schon 1565 (nach anderer Lesart 1595) ist eine Orgel vorhanden. 1620 werden sogar zwei Orgeln genannt. 1610 / 1611 wurde der Kirchturm erhöht, indem man ein hölzernes Stockwerk mit »welscher Haube« ( = mehrfach geschweiftem Zwiebelturm) und Schindeldach aufsetzte. Er bekam sogar eine Uhr mit einem Stundenzeiger. Im obersten Stockwerk war eine Turmstube eingebaut, und ein Turmwächter wurde bestellt, der auf Feuer in Stadt und Land zu achten hatte. (Sein Nachfolger wurde im Jahre 1624 als Straßenräuber in Schorndorf enthauptet!) Der jeweilige »Stadtpfeifer« ( = Musikus) wohnte bis 1854 auf dem Turm.

Im Dreißigjährigen Krieg wurden 1634 die kirchlichen Geräte von den Kroaten geraubt. Doch die Glocken wurden anscheinend durch die schlimmen Zeiten hindurch gerettet. 1691 wurde das Kirchendach umgebaut. 1722 erhielt die Kirche eine neue Orgel. 1755 wurde eine Altande am Turm angebracht. 1780ff wurde das Turmdach mit Weißblech gedeckt.

 

 

Der Stadtbrand

Zerstörung durch den Stadtbrand

Eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes war der Stadtbrand im Januar 1868, dem auch die Kirche zum Opfer fiel. Der Brand, der in einer Scheune ausgebrochen war und nach und nach 46 Gebäude vernichtete, griff von jenem hölzernen Turmaufbau aus auf den Dachstuhl des Kirchenschiffes über.

Im Bericht des Feuerwehrkommandanten Stäbler heißt es: »Die Glocken läuteten selbst ihr Grablied und stürzten mit Getöse herab«. Das Feuer wütete zwei Nächte und zwei Tage lang. Doch Menschenleben waren glücklicherweise nicht zu beklagen.

Eine wenige Tage nach dem Stadtbrand vom 19. und 20. Januar 1868 aufgenommene Photographie zeigt das Ausmaß der Zerstörung. Vom Kirchenschiff und Chor blieben nur die Außenmauern erhalten. Der Turm reichte noch bis zum 2. Stockwerk des achteckigen Teils.

Wiederaufbau im neugotischen Stil

Wiederaufbau im neugotischen Stil

Der (damalige) Wiederaufbau ging erstaunlich rasch vonstatten. Schon am 20. November 1870 wurde die wiederaufgebaute Kirche feierlich eingeweiht. Aus den umliegenden Gemeinden, aus dem Königreich Württemberg und, wie mit Stolz vermerkt wurde, »sogar aus dem Ausland« (darunter verstand man freilich nur die übrigen deutschen Staaten und allenfalls die Schweiz) waren von privater Seite recht ansehliche Spenden eingegangen. In den Jahren 1868 bis 1870 fand der Gottesdienst in dem Gräflich Waldeckschen Saale des Neuen Schlosses statt. Die Rathausglocke rief die Gemeinde zusammen. Sie läutete auch am Tage der Einweihung der wiederhergestellten Kirche.

Dem Zeitgeschmack entsprechend war das Innere der 1870er Kirche neugotischüberladen. Eine Holzarchitektur täuschte mehr Gotik vor, als tatsächlich vorhanden war. Im Langhaus waren beidseitig je zwei Emporen übereinander. Von der oberen Nordseite dürfte man den Pfarrer auf der Kanzel überhaupt nicht gesehen haben. Die Emporenbrüstungen waren kirchenfensterartig verziert. Der Giebel des Choransatzes war mit einer Uhr (Jahreszahl 1611!) geschmückt, die zwei gemalte Engel einrahmten. Auch Pfeiler, Kreuzrippen und Gewölbe waren im historischen Stil des 19. Jahrhunderts bunt und mit viel Gold bemalt. Im Chor wurde durch Bemalung ein textiler Wandbehang vorgetäuscht.

In dieser Form präsentierte sich die Gaildorfer Stadtkirche bis zur Zerstörung im Kriegsjahr 1945.

Zerstörung im II. Weltkrieg

Der zerstörte Altarraum

Während der Kampfhandlungen der Amerikaner um die Stadt Gaildorf ist die Kirche am 20. April 1945 durch Artilleriebeschuß in Brand geraten und zusammen mit dem auf ihrer Nordseite eng benachbarten Neuen Schloß, das jetzt nicht mehr existiert, vollständig ausgebrannt. Vom Kirchenschiff standen nur noch die Umfassungswände. Das Mauerwerk selbst hat, nach dem Gutachten des Architekten vom 3.12.1945, durch das Feuer wenig gelitten. Lediglich die Fenstermaßweke, die von 1870 stammten, waren meistenteils zerstört. Das Gewölbe des Chors hatte standgehalten. Dadurch sind die großen Epitaphe der Schenken von Limpurg, die an der Nordseite stehen, glücklicherweise erhalten geblieben. Auch die alte Sakristei, ein jetzt beseitigter Anbau neben dem Treppentürmchen an der Südwand des Kirchenschiffes, sowie das jetzt entfernte Emporetreppenhaus auf der Nordseite waren erhalten geblieben. Der Kirchturm, der 1869 einen massiven Helm erhalten hatte, stand, äußerlich gesehen, mit Ausnahme von kleinen Oberflächenschäden am Mauerwerk durch MG-Feuer, unversehrt da. Er hatte jedoch mehr gelitten, als man anfangs annahm. Der hölzerne Turmeinbau war ausgebrannt. Glocken, Läutewerk und Uhr waren total zerstört. Bei der Renovierung wurden die Bläserbalkone des 19. Jahrhunderts entfernt.

Wiederaufbau verbannt Neugotik

Der Altarraum heute

Entgegen den Wünschen zahlreicher Bürger und damals amtierender Kirchengemeinderäte, die den alten, von 1870 bis 1945 währenden Zustand des Kircheninneren wiederhaben wollten, setzte der Stuttgarter Architekt Professor Jans Seytter, der mit dem Wiederaufbau der Kirche beauftragt war, durch, dass die "unmögliche Zutaten des 19. Jahrhunderts" wegblieben. Er verbannte die "angeberhafte Holzarchitektur", die man einmal für schön gehalten hatte. So ist das Innere der Kirche heute schlicht, doch nicht zu modern. Anstelle nicht vorhandener Kreuzrippen, die die Konstruktion des 19. Jahrhunderts nur vortäuschte, überspannt eine sichtbare Kassettenbalkendecke das Kirchenschiff. In der Mitte des Langhauses ist ein Tonnengewölbe von etwa 6 m Breite. Auf die Doppelemporen hat man ganz verzichtet. Man beschränkte sich auf eine Empore an der Südwand und vergrößerte, für Konzertzwecke leider nur ungenügend, die Orgelempore. Kanzel und Gestühl sowie Taufstein sind völlig neu. Die Kanzel wurde von Fabrikant Erwin Hägele gestiftet und samt Dachstuhl und Kirchendecke von der Gaildorfer Holzbaufirma Stephan geschaffen. Der Taufstein ist das Meisterstück von Steinbildhauer Karl Röger und ebenfalls zum größten Teil gestiftet.

Als am 1. Advent (27. November) 1949 die wiederaufgebaute Kirche durch den Landesbischof D. Haug geweiht wurde, fehlten noch Heizung, Orgel und der große Kruzifixus des Altars. Die etwa 1.50 m messende Eichenholzplastik des Gekreuzigten wurde von dem Münchener Bildhauer Karl Hemmeter geschaffen und in der Karwoche 1958 in der Kirche aufgestellt. Vom Schiff her hat sie eine klare Silhouettenwirkung. Deshalb ist das Haupt Christi ziemlich stark zur Seite geneigt. Es sollte durch den Kreuzesstamm dem Anblick der Gemeinde nicht entzogen werden. Nach Aussage des Künstlers weist es »einen Anklang an gotischen Geist« auf.

Die Orgel

Blick zur Orgel

Die heutige Orgel wurde von der Orgelbaufirma Friedrich Weigle (Echterdingen) in drei Abschnitten 1951, 1952 und 1959 nach der Disposition von Kirchemusikdirektor Walter Lutz (Stuttgart) geschaffen und erst 1981 durch die Orgelbaufirma Reinhart Tzschöckel in dieser Konzeption fertiggestellt, ergänzt und nachintoniert. Das Instrument hat heute 29 Register mit 2130 Pfeifen, Schleifladen mit mechanischer Traktur für die Manualwerke sowie eine elektropneumatische Kegellade für das Pedalwerk. Der Spielschrank ist mit 6 Normalkoppeln in die Orgel eingebaut. Bereits während der Planung zeichneten sich Sparmaßnahmen ab. So konnte das Werk zunächst nicht voll ausgebaut werden; dafür entschloß man sich, den Umfang der Manualwerke bis c4 zu erweitern.

Über die Aufstellung der Orgel gab es lange Diskussionen. Vom kirchenmusikalischen Dienst her wäre es zweckmäßig gewesen, das Instrument im Chor der Kirche aufzubauen, doch hätte dies die Wirkung der Epitaphe beeinträchtigt. Am 31. Mai 1959 wurde die Orgel eingeweiht; erst 1981 konnten die fehlenden Pfeifen im Rahmen einer Generalüberholung durch Orgelbaumeister Reinhart Tzschöckel (Fautspach) eingebaut werden. Weitere Veränderungen erfolgten bei Reparaturarbeiten in Folge eines Wasser-schadens und zuletzt bei den Generalreinigung 1997 und 2009.