Erlebnis Kirchenführung

Die Glocken der evangelischen Pfarrkirche St. Sebastian schlagen 8.00 Uhr. Die Abenddämmerung senkt sich an diesem wolkenverhangenen Sommertag über die Ortschaft Geifertshofen. Ich warte auf Rudolf Merklein. Der Landwirt gilt in seinem Heimatort als Experte für die kleine Dorfkirche. Mitten im Streß der Erntezeit opfert er den Feierabend für eine Kirchenführung. Als der engagierte Kirchengemeinderat die Kirche aufschließt, die Lichte anschaltet und zu erzählen beginnt, fängt auch sein Gesicht an zu leuchten. Man merkt ihm an, daß er stolz ist auf seine Kirche, eine der wenigen noch erhaltenen Dolmetsch-Kirchen im Land. Dabei war der Kirche das gleiche Schicksal widerfahren wie vielen anderen Kirchen des hochdekorierten Baumeisters Heinrich Dolmetsch.

1902/03 im Stil des Historismus umgebaut und erweitert, wurde die Kirche in den fünfziger Jahren grundlegend „modernisiert". Rudolf Merklein erklärt kopfschüttelnd, wie diese „Renovierung" zu verstehen ist: Fast alles von der reichen Schablonenmalerei war weiß übertüncht worden, sogar der herrliche Sternenhimmel im Chorgewölbe. Nur noch die Taube im Strahlenkranz blickte aus der Übermalung hervor. Zum Glück sei damals dann das Geld ausgegangen, meint Rudolf Merklein lachend. Sonst wäre auch noch die Decke des Kirchenschiffs übermalt worden. Als die Kirche vor wenigen Jahren neu geweißelt werden sollte, stieß man auf Reste der alten Malereien. Trotz anfänglicher Skepsis unter der Bevölkerung und Widerständen des Landesdenkmalamtes wurde die Wandbemalung 1985 rekonstruiert. Heute sind die Geifertshofener stolz auf ihre außergewöhnliche Kirche.

Viel Interessantes kann Rudolf Merklein von dem alten Gotteshaus zu berichten, das in seinen Ursprüngen bis ins Jahr 1085 zurückreicht und zu den ältesten im Kirchenbezirk gehört. Der Konflikt zwischen Evangelischen und Katholischen seit der Reformation habe die Geschichte der Kirche stark geprägt, meint mein Kirchenführer nachdenklich. Seit 1529 ist sie evangelisch. Damals hatte Schenk Erasmus von Limpurg/Obersontheim den Priester aufgefordert, „seine Konkubine zu heiraten, das Meßlesen sein zu lassen und hinfort nach der neuen Lehre zu predigen". Der Geistliche folgte der Aufforderung und so begann die evangelische Geschichte des Kirchleins. Das Patronatsrecht war zunächst noch beim Kloster Komburg geblieben. Das versuchte immer wieder, die Reformation in Geifertshofen rückgängig zu machen. Als der erste evangelische Pfarrer verstorben war, wurde ein katholischer eingesetzt. Doch Schenk Friedrich von Limpurg habe diesen am nächsten Tag zum Dorf hinausgejagt. Wieder zurückgekehrt wurde dem Priester „Wasser, Weid und alle menschliche Hilfe" verboten, und so wurde die Kirche dann doch wieder evangelisch.

Die Spannungen zwischen den evangelischen Geifertshofenern und den katholischen Nachbargemeinden habe noch lange angedauert, meint Rudolf Merklein. Vielleicht resultiere sogar der Dolmetsch-Umbau aus diesem Konflikt. Die Geifertshoferner hätten sich nämlich beim Konstistorium in Stuttgart heftig darüber beklagt, daß die Gotteshäuser der Katholischen in den umliegenden Dörfern wahre Prachtbauten seien. Als an einem Ostersonntag dann Teile von der Decke herabstürzten, sei sein Großvater nach Stuttgart gereist und habe endlich den Umbau der viel zu klein gewordenen Kirche durchgesetzt, erzählt Kirchenführer Merklein. Er kann sich auch noch erinnern, daß in seiner Schulzeit die Evangelischen einmal „lutherische Teufel" genannt wurden. Heute sind die Spannungen glücklicherweise überwunden. Es werden ökumenische Gottesdienste und Feste gefeiert, und sogar die Kirchengemeinderäte beider Konfessionen tagen ab und zu gemeinsam.

Noch viele andere Geschichten weiß Rudolf Merklein von seiner Kirche zu erzählen. Etwa die vom Pfarrer Strehlin aus dem 17. Jahrhundert. Bei dem hatte der Ochsenwirt einen Berg voll Schulden. Aufgefordert, diese endlich zurückzuzahlen, hat er sie in Weinfässern abgegolten. Der Pfarrer habe damals den Wein im Pfarrhaus ausgeschenkt und zu Geld gemacht, worauf er vom Ochsenwirt beim Schultheiß auf Geschäftsschädigung verklagt wurde. Pfarrer „Stroelinus", wie er sich lateinisierend selber nannte, hat aber auch noch andere Spuren in Geifertshofen hinterlassen. Im Jahr 1660 hat er einen Taufstein gestiftet, der bis heute noch in Gebrauch ist.

Nach einem Abstecher auf den Glockenturm, wo die Fledermäuse bereits aktiv werden, wird es Zeit, endlich Fotos zu schießen. Ein Blick durch mein Weitwinkelobjektiv macht mir klar, daß die Höhe des Chorbogens nicht ganz zu erfassen ist. Ja, ganze acht Meter sei das Chorgewölbe hoch. Leicht unterschätze man die Dorfkirche, meint Rudolf Merklein schmunzelnd. Den Geifertshofenern sei es selber so gegangen. In der Schule hätten alle Kinder früher gelernt, daß der Turm 27 Meter hoch sei. Als vor wenigen Jahren das Dach dann neu gedeckt wurde, habe man auch ein 27 Meter hohes Gerüst für den Turm bestellt. Als es dann stand, mußte man jedoch feststellen, daß 10 Meter bis zur Turmspitze fehlten.

Nach einem Rundgang um die Kirche verabschiede ich mich von Rudolf Merklein im Schein der abendlichen Straßenlaterne. Zwei Stunden Kirchenführung sind wie im Flug vergangen und Rudolf Merklein wüßte noch viel mehr zu erzählen. Kirchenführungen habe er nur selten zu machen, meint er auf meine Frage. Vielleicht wird das bald anders werden.