Lebenswerk

Dolmetsch wurde am 24. Januar 1846 geboren. Er war Schüler des Stuttgarter Polytechnikums, machte Studienreisen nach Italien, Frankreich, Österreich und in Deutschland. Seine praktische Tätigkeit als Architekt begann er bei Christian Friedrich Leins an der Wiederherstellung der Gaildorfer Evang. Stadtkirche St. Veit, die nach dem verheerenden Stadtbrand von 1868 erneuert werden musste. Die Kirche erhielt unter den beiden ihren bis 1976 charakteristischen steinernen Helm. Außer einigen Wohnhäusern baute Dolmetsch in Württemberg eine große Reihe von Kirchen um oder neu, so zum Beispiel Kirchen in Cannstatt, Ludwigshafen, Degendorf und Stuttgart.

 Auch in unserem heutigen Landkreis war er außer in Oberrot bei mehreren Kirchbauten tätig. 1896 bis 1898 baute Dolmetsch die Evang. St. Katharina-Kirche in Schwäbisch Hall innen und außen um. Nach seinem Entwurf wurde 1902/03 die baufällige Evang. Pfarrkirche St. Sebastian in Bühlerzell-Geifertshofen fast vollständig neu gebaut. 1904/05 baute er die Evang. Pfarrkirche in Fichtenau-Unterdeufstetten. 1909 wurde nach seinen Plänen die Kapelle auf dem neu angelegten Friedhof in Crailsheim erbaut. Die Evang. Pfarrkirche Rot am See - Brettheim erhielt 1911/12 nach den Plänen von Dolmetsch und Julius Schmidt ein neues Kirchenschiff mit bemalter Kassettendecke. Die Antlitze der beiden sind in den Tragsteinen der Empore aus Stein gemeißelt.

Dolmetsch war auch kunsthandwerklich tätig. Er entwarf zum Beispiel 1888 einen Abendmahlskelch und dazu einen Teller zur Darreichung der Hostien. Ferner zeichnete er 1882 einen Bucheinband. 1887 erschien von ihm ein Buch mit dem Titel "Der Ornamentenschatz" (Stuttgart, bei Jul. Hoffmann). Außerdem gab er ein Buch "Japanische Vorbilder" heraus.

Im Alter von 62 Jahren starb Heinrich Dolmetsch am 25. Juli 1908 in Stuttgart.

Verkannt und übermalt

Viele seiner Kirchbauten wurden, wie die Bonifatius-Kirche Oberrot, in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts tief greifend verändert. So wurde in der Katharinen-Kirche in Schwäbisch Hall eine zusätzliche Gewölbedecke eingebracht. Hintergrund für solche Umbauten war auch die Tatsache, dass man in seinen Arbeiten keinen künstlerischen Wert mehr sah.

Dolmetsch und viele andere Architekten des letzten Jahrhunderts hatten Stilelemente vergangener Kunstepochen aufgegriffen. Für Kirchen, Kaufhäuser, Banken wurden historische Dekorationsformen aus der Romanik, der Gotik, der Renaissance und dem Barock entnommen. Teilweise konnte der Bauherr seinen Wunschstil aus dem Katalog zusammenstellen.

Kitsch oder Kunst ? Deshalb wurde der "Historismus" in der Nachkriegszeit oft als Kitsch angesehen - ohne dass man zwischen den einzelnen Architekten unterschied. So heißt es noch 1974 in einem Schulbuch für den Kunstunterricht über den Historismus: "In der zweiten Jahrhunderhälfte sank die "Nachahmung der Alten" zur bloßen Nachmacherei herab, die Architektur wurde zu einem wahren Jahrmarkt der Stile, die nur noch als leere Dekorationsformeln verwendet wurden."

Wieder entdeckt

Erst in den letzten Jahren hat man Werke des Historismus als qualitativ hochwertige und auch eigenständige Arbeiten erkannt. Bauten Dolmetschts gehören zu solch wieder entdeckten Werten. Manche Kirchen haben deshalb so weit wie möglich wieder ihre Dolmetsch-Fassung erhalten. So etwa die Kirche in Geifertshofen oder die Kirche in Stuttgart-Uhlbach.