Flächenverbrauch

Wohnbau, Verkehr, Landwirtschaft, Naturschutz, Erholung stehen in Konkurrenz, wenn es um Flächennutzung geht. Immer mehr Ackerboden wird zu Bauland gemacht. Aber ist Landschaftsverbrauch die einzige Möglichkeit, einen Ort voranzubringen? Über diese Fragestellungen diskutierten drei Experten aus unterschiedlichen Sparten in Gschwend. Auf dem Podium waren Christoph Hald, Bürgermeister der Gemeinde Gschwend, Hubert Kucher, Vorsitzender des Bauernverbands Ostalbkreis und Michael Weber vom Institut für Stadt– und Regionalentwicklung an der Hochschule Nürtingen-Geislingen. Eingeladen hatte der Bezirksarbeitskreis Gaildorf des evangelischen Bauernwerks.

Immer mehr Ackerboden wird zu Bauland gemacht

Achim Ehring, Bauernpfarrer des Kirchenbezirks, führte in die Thematik mit persönlichen Beobachtungen ein. So berichtete er etwa, dass sein Elternhaus sich einst am Stadtrand von Winnenden befand - umgeben von intakter Natur. Heute dagegen ist die Stadt so gewachsen, dass sein Elternhaus eher zur Ortsmitte gerechnet werden muss.

Zwang zum Wachsen

Zunächst stellten die Experten ihre Sichtweise in fünfzehnminütigen Statements dar. Bürgermeister Christoph Hald ist selbst auf einem landwirtschaftlichen Vollerwerbsbetrieb aufgewachsen und kennt deshalb die Sorgen der Bauern. Dennoch vertrat er die Meinung, dass er als Bürgermeister alles daran setzen müsse, damit seine Kommune weiter wächst. „Jeder einzelne Einwohner bedeutet Einnahmen“, stellte er nüchtern fest. So bekommt jede Kommune jährlich aus Landesmitteln 1000 € pro Einwohner. Ein Rückgang der Einwohnerzahl bedeutet also finanzielle Verluste, die dazu führen, dass Infrastrukturen nicht wie bisher aufrechterhalten werden könnten. Um neue Einwohner zu gewinnen, muss eine Gemeinde aus der Sicht des Bürgermeisters neue Wohn- und Gewerbegebiete ausweisen, und dies bedeute zwangsläufig mehr Flächenverbrauch. Wenn aber neue Baugebiete ausgewiesen werden, muss die Gemeinde Ausgleichsflächen bereitstellen, die wiederum der Landwirtschaft entzogen werden. Zum Flächenverbrauch trage auch bei, dass immer mehr Alleinstehende in großen Wohnungen oder sogar allein in Häusern wohnen, nachdem die Kinder aus dem Haus sind und vielleicht der Ehepartner verstorben ist. Hald will jedoch die innerörtliche Bebauung intensivieren, um die neuen Baugebiete auf landwirtschaftlichen Flächen in Grenzen zu halten.

Existenzgrundlage wird Landwirten entzogen

Für Hubert Kucher, der mit 100 Hektar und 100 Kühen Vollerwerbslandwirt ist, stellt sich der Flächenverbrauch dramatisch dar. „Die landwirtschaftlichen Flächen sind die Existenzgrundlage der Landwirte“, betonte er. Von den 3,6 Mio Hektar Fläche Baden-Württembergs gehen jedoch der Landwirtschaft täglich 6 Hektar verloren. „Bundesweit wird der Landwirtschaft jeden Tag die Fläche eines Vollerwerbsbetriebs durch Bebauung, Versiegelung und Schaffung von Ausgleichsflächen entzogen“, resümierte Kucher. Dadurch steigen die Pachtpreise ständig, was die Bauern zunehmend unter Druck bringe. Bei der Anlage von Industriegebieten muss man seiner Meinung nach viel sensibler mit dem Flächenverbrauch umgehen. Als Beispiel nannte er Parkplätze, die großflächig angelegt werden und forderte den Bau von flächenschonenden Parkäusern. Außerdem forderte er, Ausgleichsflächen in Siedlungen und Industriegebieten anzulegen. Bauplätze müssen aus seiner Sicht weiter verkleinert werden. Mehrfamilienhäuser sollten mehr gefördert werden anstatt Einzelhäuser. Außerdem gehöre die landwirtschaftliche Fläche in Bauernhand statt in die Hand von Spekulanten.

Neue Siedlungsflächen bedeuten mehr Kosten und Folgekosten

Michael Weber, der aus einem Forstbetrieb stammt, geht davon aus, dass die Bevölkerung im ländlichen Raum stagnieren oder sogar abnehmen wird. In den letzten vierzig Jahren hätten die Geburten abgenommen, was bislang durch Wanderbewegungen ausgeglichen worden sei. Eine Entwicklung der Dörfer innerhalb des bisherigen Siedlungsgebietes sei allein schon deshalb notwendig, weil neue Siedlungsflächen mehr Kosten und Folgekosten produzieren würden. Wichtig sei, künftig barrierefreie Wohnmöglichkeiten für ältere Einwohner in kleinen Wohneinheiten und in zentraler Lage zu schaffen. Aus seiner Beratungspraxis stellte er einige gelungene Projekte der Innenentwicklung vor, die zur Vermeidung des Flächenverbrauchs beitragen konnten.

Der Landwirtschaft fehlt die Lobby

Nach einer Pause mit köstlichem Fingerfood aus der Region stellten sich die Experten den Publikumsfragen. Melanie Läpple, Bildungsreferentin beim Bauernwerk, moderierte die lebendige Diskussionsrunde, in der es auch um Produktionsmethoden, der Sinnhaftigkeit von immer neuen Gesetzen und fehlendem Lobbyismus der Landwirtschaft ging.