Als sich Erwin Bühler beim letzten Weihnachtsfest am Kirchenportal von mir verabschiedete, meinte er: „Wenn das Wetter mitmacht, dann schnitze ich eine Osterkrippe für die Bonifatiuskirche.“ Mit „Mitmachen“ meinte er regnerisches Wetter. Denn bei gutem Wetter zieht es den 87-Jährigen noch jeden Tag in den Wald zu Fortarbeiten. Er ist davon überzeugt, dass ihn die Arbeit an der frischen Luft gesund und rüstig hält. Bei Regen aber geht er seinem großen Hobby nach: der Schnitzerei. Vor allem kunstvolle Springerlesmodel sticht er. Er fertigt aber auch Weihnachtskrippen an. Und vor ein paar Jahren hat er 105 Teile Christbaumschmuck für die Bonifatiuskirche hergestellt, allesamt filigrane Schnitz- und Laubsägearbeiten. Nun hatte er eine Passions- und Osterkrippe in den Blick genommen. Wenn das Wetter mitmacht. Diese Woche übergab er die fertige Krippe und meinte dabei schmunzelnd: „Der Herrgott hat es gnädig mit uns gemeint und mir drei Wochen schlechtes Wetter geschickt“.

Vor 25 Jahren hatte er zum ersten Mal eine Passions- und Osterkrippe gesehen. Das war bei einer Krippenausstellung in Amlishagen. Die kleine Krippe war unvollendet geblieben und stellte nur eine Szene aus dem Garten Gethsemane dar. Aber sie hatte es dem leidenschaftlichen Schnitzer angetan, und er dachte sich: „Das könnte ich doch auch mal machen.“ Aber er brauchte eine Vorlage für die Schnitzereien, und die hatte er nicht. Schließlich entdeckte er im Katalog eines katholischen Verlagshauses einen Bilderbogen mit 25 Figuren aus der Passions- und Ostergeschichte. Die waren eigentlich zum Bemalen und Ausschneiden gedacht. Für Erwin Bühler aber stellten sie die ersehnten Vorlagen für sein Krippenprojekt dar, und so bestellte er sie sofort. Als er sie in Händen hielt, merkte er aber gleich: „Das wird schwierig!“ Die Krippe wäre fast einen Meter lang geworden, wenn er sie eins zu eins umgesetzt hätte. So schob er die Realisierung  des Schnitzprojektes vor sich her. „Ich hab einen großen Kopf“, meint Erwin Bühler. „Da passt mehr rein, als ich zeitlich machen kann.“

Diesen Winter aber hat er seine Idee von damals Wirklichkeit werden lassen. Am Karfreitag wird das Werk erstmals in der Oberroter Kirche zu bestaunen sein. Die Krippe zeigt den betenden Jesus im Garten Gethsemane, seine Folterung, und wie er das Kreuz schleppen muss. Nicht fehlen darf natürlich Kreuzigung und Grablegung und schließlich die Auferstehung. Die geschnitzten Szenen sind wie ein Garten von einem Zaun umgeben. Es brauchte viele Stunden, bis die Passions- und Osterkrippe fertig war. Erwin Bühler hat aber noch weitere Pläne. Er will für seine Kirche auch eine Erntedankkrippe schnitzen. Die soll genau auf die Fläche der Passions- und Osterkrippe passen und kann dann gegen deren Szenerie ausgetauscht werden. Und für jedes seiner vier Kinder will er eine Passions- und Osterkrippe basteln, jeweils auch mit einem Einsatz für Erntedank und einem für das ganze Jahr. Jetzt ist er so richtig in Schwung gekommen und hat bereits mit der vielteiligen Produktion begonnen.

„Mir ist es nie langweilig geworden“, sagt er schmunzelnd. Der Fernseher läuft im Hause Bühler manchmal mehrere Tage nicht. Da hat er Besseres zu tun, als vor der Kiste zu sitzen. Früher hatte er schon manchmal überlegt, ob er sein Hobby zum Beruf machen soll. An lukrativen Aufträgen für Springelesmodel hätte es nicht gemangelt. Aber der gelernte Wagner und spätere Landwirt entschied sich, einem Beruf mit sicherem Einkommen nachzugehen. Als die Landwirtschaft die Familie nicht mehr ernähren konnte, schulte er mit 40 Jahren um und arbeitete dann noch 22 Jahre in der Bausparkasse. Bereits während seiner Berufstätigkeit fing er mit dem intensiven Schnitzen an. Die Weihnachtskrippe in der Oberroter Bonifatius-Kirche hat er vor weit über 20 Jahren gefertigt. Diese Arbeit verstand er als ein „Dankeschön an seinen Herrgott“, nachdem er nach einer schweren Krankheit wieder gesund geworden war. Seit er im Ruhestand ist, kann er sich neben seinem Engagement für das Freilandmuseum Wackershofen und der Waldarbeit auch für seine Schnitzarbeiten mehr Zeit nehmen.

Zwischenzeitlich hat Erwin Bühler als Schnitzer einen beachtlichen Ruf erlangt. Sogar das Fernsehen war schon dreimal bei ihm zu Hause, um über ihn zu berichten. Auf weitere Schnitzprojekte von ihm darf man gespannt sein. Bleibt zu hoffen, dass das Wetter nicht zu gut wird.

Andreas Balko