Himmlische Physik

Vor vierzig Jahren war's, da hat man innen
die Oberroter Kirche gründlich renoviert 
und die Gemeinde angesichts der hohen Kosten 
zu Opfergaben herzlich animiert. 

Und mancher renommierte Christ zog seine Börse,
entfaltet voller Umstand seinen Schein. 
Ein zittrig Weiblein aber wirft verstohlen 
sein letztes Fünfmarkstück zum Schlitz hinein. 

Der Hettmannspergers Emil hat's gesehen,
dieweil er in den hintern Reihen saß. 
Und auf dem Heimweg macht er sich Gedanken 
ums Opfern allgemein und um das rechte Maß. 

Die Wochen drauf, da hat der Hettmannsperger 
noch lang nach Feierabend sich gerührt, 
gemalt, entworfen und nochmals verworfen, 
getrieben und verlötet und auf Glanz poliert. 

Daß er ein Künstler war, das konnte jeder
hoch auf dem Turm am Gockelhahne sehn; 
nun aber waren auf des Pfarrherrn Bitten 
ganz neue Opferbüchsen am Entstehn. 

Die alten warn aus Blech und keine Zierde. 
Der Auftrag macht dem Emil sichtlich Freude; 
geschmückt mit Lamm und Kelch und Kreuz und schönen Ähren, 
gerieten sie zur rechten Augenweide. 

Die letzte aber seiner goldnen Werke
erhielt zum Schmuck und als Motiv die Waage. 
Doch hier schien ihm ein Fehler unterlaufen, 
dies war für den Betrachter ohne Frage: 

Zwei goldne Kugeln liegen auf der Schale, 
die eine groß, die andre winzig klein befunden. 
Allein, die linke Schale mit der kleinen Gabe, 
die zieht, - welch Paradox - ganz schwer nach unten ... 

Hinblick auf die angewachsnen Schulden 
erscheint ein Tausender doch recht gewaltig. 
Was von der Alten in die Büchse scheppert, 
scheint im Vergleich dazu doch ziemlich nichtig. 

Doch Gottes Waage sich durchs Scherflein neiget, 
das einstens jene Witwe beigetragen. 
Und diese "himmlische Physik" gilt auch noch heute! 
Das will uns Hettmannsberger mit der Waage sagen ... 

Hans Brucklacher Oberrot (HBO)