Was der Oberroter Turmhahn weiß

Gedicht von Hans Brucklacher (HBO) zur Wiedereinweihung der Bonifatius-Kirche im Jahr 1994 

 

Höret, was zum Weihefeste und zu Gottes Lob und Preis unser Oberroter Turmhahn alles zu berichten weiß.

So ein Turmhahn hat von oben
stets die beste Übersicht;
und was unten sich ereignet,
das entgeht dem Gockel nicht.

Auch er hat am Leib erfahren:
Nichts ist für die Ewigkeit,
denn der Zahn von vielen Jahren
nagte auch an seinem Kleid.

Anfangs in den dreiß'ger Jahren,
- wie man's aufgeschrieben siecht -
hat ein Zimmermann vom Stiershof
einen Balken aufgericht.

Und der alte Wielandschmied
hat danach den Turm erstiegen,
bracht Beschläg' und Stänglein mit,
tat fest nieten, hämmern, biegen.

Obenauf setzt er den Gockel.
Golden glänzt sein neues Kleid.
Doch es war für Kirchendiener
damals nicht die beste Zeit.

Dies währt keine tausend Jahre,
dann wird wieder renoviert
und der Hahn vom Hettmannsperger
neu vergoldet und justiert.

Denn so will's seit je die Sitte,
daß ein Hahn den Turm bewohnt.
Und er könnte viel erzählen,
weil er über allem thront.

Ja, er weiß aus alten Tagen,
wie von Mauern wohl verwahrt
sich um s'Kirchlein Stein' und Kreuze
auf dem "Kirchhof" eng geschart.

Wie im Bauernkrieg die Bürger
nicht dem Städtezwang sich beugten,
keck dem Haller Boten trotzten
und ihm ihre Stärke zeigten.

Wie im Dreißigjähr'gen Kriege
dann die Pest die Gräber füllte,
bis der langersehnte Friede
endlich viele Klagen stillte.

Wie der Pfarrer Kausler stämmig
seine Ochsen eingespannt,
seinen Bauern stets ein Vorbild,
auch wenn er am Pfluge stand.

Wie man später vor der "Rose"
auf die Kutsche sich verließ
und der gute alte Zeller
auf dem Bock das Posthorn blies.

Wie der Wahnsinn uns im Kriege
aus dem Stuhl die Glocken raubte,
wie man wider bess'res Wissen
gar noch an den Endsieg glaubte.

Wie dann in den letzten Tagen
unser liebes Dörflein brannte,
wie noch junge Menschen starben,
sinnlos, oft als Unbekannte.

Kinderlachen um die Kirche
war dem Gockel wohl vertraut
da man achtzehndreiundvierzig
vor dem Turm ein Schulhaus baut.

Und nach Feierabend tönten
aus dem Schulsaal neue Klänge,
denn hier übte Meister Unger
mit den Männern Volksgesänge.

Lange Jahre lagen Kirche,
Schule, Rathaus treu vereint.
Mancher, - da dies nun zerrissen,
-einem stille Träne weint.

Und er trauert im Geheimen
altvertrauten Formen nach,
denn man ändert' auch die Uhren
und des Turmes Giebeldach.

Innen hat man alle Balken
unter Mühen abgelaugt,
hat begradigt, was verschnörkelt
und verdeckt, was nichts mehr taugt.

Selbst die Orgel, die man immer
hoch auf der Empore fand,
hat man in den Chor verlagert,
wo sie scheinbar besser stand.

Die bemalte Kirchendecke
voll von bunten Ornamenten,
störte gleichfalls, wie auch jene
in dem Chor und an den Wänden.

Vieles hat man zugebrettert
und mit Tünche überstrichen,
selbst das Bild des Reformators
ist dem neuen Geist gewichen.

Wie das Kirchenvolk sich dachte,
hat wohl wenig intressiert.
Später schimpft man auf den "Künstler",
der sich derart engagiert.

Doch auf Hettmannspergers Lampen
wird noch heut das Lob gesungen;
und auch seine Opferbüchsen
sind dem Meister wohl gelungen.

An den alten Epitaphen
nagte auch der Zahn der Zeit.
Pfarrer Herrmann war darüber
alles andre als erfreut.

Hat er doch mit großen Mühen
ihren Texten nachgespürt,
aber angesichts der Schäden
oft vergeblich buchstabiert.

Mit Chemie und feinem Pinsel
hat man das Problem geklärt.
Zwanzigtausend hat's gekostet;
doch das war die Sache wert.

Neunzehnhundertsechsundachzig
sind die Außenseiten dran.
Schade, daß man alte Ziegel
wohl nicht mehr verwenden kann.

Hatte schon der Pfarrer Herrmann
einst die Linden kühn gefällt,
so wird unter Ergenzinger
s' Kirchlein gänzlich freigestellt.

Dies hat wie die neuen Ziegel
wieder manchen irritiert.
Doch der Architekt wird's wissen,
schließlich hat er drauf studiert.

Wer da bauet an der Straße,
hundertfachen Rat gewinnt;
muß die Leute reden lassen,
tun, was er für recht befindt.

Schließlich stand in 1, 2 Jahren
doch ein Jubiläum an,
wie man's nach dem Lorscher Kodex
einwandfrei belegen kann.

Jeder Oberroter Bürger
hat der Hiltisnot gedacht,
die zwölfhundert Jahre vorher
jenem Kloster viel vermacht.

Schwarz auf weiß kann's jeder lesen,
mit Sigillum ebenda,
was dem Himmel fromm sie schenkte:
Weinberg und Basilika.

Neunzehnhundertdreiundneunzig
faßt man wieder neuen Mut.
Balko heißt der neue Pfarrer;
neue Besen kehren gut.

Eifrig sucht man alte Spuren
und erkennt zu dieser Frist,
daß die Oberroter Kirche
eigentlich ein Kleinod ist.

Und bewährte Männer durften
an das teure Werk sich wagen,
während andernorts die Leute
über Sparmaßnahmen klagen.

Was dereinst man zugestrichen
oder gänzlich abmontiert,
hat man mühsam nachempfunden
und gekonnt rekonstruiert.

Als im aufgeriss'nen Boden
die Elektrik ward verlegt,
hat der kund'ge Dr. Schweizer
alte Gräber gar entdeckt.

Diese hat man dann vermessen
und genauestens notiert.
Bald darauf kam die Kolonne,
hat den Boden betoniert.

Manche von den Alten folgten
oftmals kritisch dem Verlauf.
Vielen leuchten bei dem Anblick
heute froh die Augen auf.

Orgelbauer nahmen sorglich
sich auch unsrer Orgel an.
Die Gemeinde ist erleichtert,
daß man sie noch brauchen kann.

Ist das gute Werk vollendet,
freu'n wir uns an Gottes Gnad.
Seine Güte bringt uns weiter,
als das Geld vom Kirchenrat.

Preiset Gott, ihr Oberroter
komm und stimme ein auch Du;
opfre willig für die Schulden,
trag Dein Scherflein auch hinzu!

Anfangs hieß es von dem Gockel,
nichts sei für die Ewigkeit.
Auch wir Christen müssen ständig
neu uns rüsten in der Zeit.

H.B.O