Kirchenumbau unter Heinrich Dolmetsch

Blick zum Chor

Seinen zweiten Kirchenumbau im Limpurger Land führte Heinrich Dolmetsch 1887 in Oberrot durch. Während er beim Wiederaufbau der Gaildorfer Stadtkirche noch als Bauleiter bei Christian Friedrich von Leins angestellt war, arbeitete er nun als selbstständiger Architekt.


Notwendig geworden war der Umbau in Oberrot, weil sich die Kirche baulich in einem sehr schlechten Zustand befand. Auch die Orgel war seit einem Jahr unbrauchbar. Außerdem sollte Dolmetsch Sitzplätze schaffen. Offenbar hatte die Bevölkerungszahl in Oberrot so stark zugenommen, dass das Gotteshaus für die Gemeinde zu klein geworden war.


Dolmetsch wollte den Kirchbau beträchtlich erweitern, um Platz zu gewinnen. An der Nord- und Südseite sah er größere Anbauten vor. Das bisherige Langhaus wäre nach seinen Plänen zum Querschiff geworden und der neue Chorraum der Kirche nach Norden ausgerichtet gewesen. Dieses Vorhaben zeigt, dass Dolmetsch sich eher an praktischen Gesichtspunkten orientierte als an theologischen. Die meisten Kirche sind nämlich „geostet“, der Chor mit dem Altar liegt also in der Regel im Ostteil des Gotteshauses. Diese Ausrichtung am Sonnenaufgang wird als Hinweis auf die Auferstehung Jesu verstanden.

Die weitgehenden Vorschläge Dolmetschs fanden zwar Gefallen bei den Stiftungskollegien, überschritten jedoch mit veranschlagten 30.000 Mark bei Weitem die finanziellen Möglichkeiten.

 

Dolmetsch musste daraufhin seine Pläne grundlegend überarbeiten. Es gelang ihm, die Baukosten auf 15.300 Mark zu reduzieren, indem er die Außenmauern der Kirche beibehielt.

 

Die Zahl der Sitzplätze konnte er beträchtlich vermehren, indem er nach dem Vorbild der Gaildorfer Stadtkirche zwei Emporen übereinander in die Kirche einbaute. Die Decke musste dazu in den Dachbereich hinein verlegt werden. So entstand eine hohe Spitzgiebeldecke im Kirchenschiff.


Während Dolmetsch andernorts den Chorbogen bei Umbaumaßnahmen erhöht hat, verfuhr er in Oberrot umgekehrt. Der 1833 erhöhte Chorbogen wurde von ihm zurückgebaut. Worin der Grund für diese Maßnahme lag, bleibt im Dunkeln.

Der Chor wurde unter Dolmetsch mit einem bemalten hölzernen Gewölbe versehen. Bauführer August Stechert hat die Bilder größtenteils in Freihandmalerei ausgeführt.

 

Auch die Emporenbrüstungen, die Decke des Kirchenschiffes, die Wände und die Fensterleibungen wurden reich verziert mit Ornamenten. Dabei handelte es sich um Schablonenmalereien.


Von der Gestalt des Innenraums vor 1887 blieben nach der Baumaßnahme Dolmetschts nahezu keinerlei Spuren mehr zurück. Hieran zeigt sich, dass es Dolmetsch auf einen einheitlichen Stil ankam.


Auch äußerlich nahm Dolmetsch Veränderungen vor. Die bislang nahezu fensterlose Nordseite erhielt unter ihm drei große Spitzbogenfenster. Außerdem wurde die Sakristei durch einen Neubau ersetzt. Vermutlich unter Dolmetsch wurde auch der obere Teil des Turmes umgestaltet.


Der Kirchenumbau riss allem Anschein nach ein dickes Loch in die Kasse der Oberroter Kirchengemeinde. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts jedenfalls hatte Oberrot mit nahezu 18.000 Mark den höchsten Schuldenberg im ganzen Kirchenbezirk.

Quelle: Ellen Pietrus, Heinrich Dolmetsch, Die Kirchenrestaurierungen des Württembergischen Baumeisters. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2008