Kunstschmiedearbeiten

Opferbüchse

Kunstschlosser Emil Hettmannsperger, der mit seiner Familie nach dem Krieg einige Jahre in Oberrot lebte, gestaltete den Oberroter Turmhahn, die Messing-Lampen in der Kirche und einen schmiedeeisernen Kronleuchter mit den Symbolen der vier Evangelisten.

In seiner Oberroter Zeit hatte der Kunstschlosser auch eine Serie von sechs Opferbüchsen für den 1955 umgestalten Kirchenraum geschaffen. Sie sind allesamt schlicht gehalten und tragen als Motive christliche Symbole: Kreuz, Ähren, Brote und Fische, ein Lamm, einen Abendmahlskelch und eine Waage. Eben diese letzte Büchse mit dem Waage-Motiv rechts bei der Kirchenpforte stellt die Besonderheit dar.

Auf der rechten Waagschale liegt ein großes und auf der linken ein kleines rundes Objekt. Man sollte nun meinen, dass der größere Gegenstand die Waagschale nach unten zieht. Doch es ist genau umgekehrt. Das Kleinere wiegt schwerer als das Große.

Was ist der Hintergrund für das Motiv mit jener besonderen Physik?

Das Schärflein der Witwe

Der Oberroter Heimatforscher und Dichter Hans Brucklacher hat die mögliche Entstehungsgeschichte in einem Gedicht beschrieben.

Als in den fünfziger Jahren der Kirchenraum umgestaltet wurde, hat der Pfarrer die Gemeinde angesichts der hohen Kosten zu großzügigen Opfern aufgerufen. Mancher Kirchenbesucher hat wohl seine Börse gezogen und gut sichtbar einen Geldschein eingeworfen. Eine arme alte Frau aber habe verstohlen und beschämt ihr letztes Fünfmarkstück in den Schlitz gesteckt.

Der Hettmannsperger Emil mag das Geschehen beobachtet haben und es hat ihn wohl an die Erzählung vom „Scherflein der Witwe“ erinnert. Dort wird Folgendes berichtet: „Und Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten. Und viele Reiche legten viel ein. Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; das macht zusammen einen Pfennig. Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. Denn sie haben alle etwas von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte.“ (Lk 21,1-4)

Dem Hettmannsperger Emil scheint die Begebenheit keine Ruhe gelassen zu haben und er hat in der Folge eben jene Opferbüchse geschaffen, deren Motiv Hans Brucklacher in seinem Gedicht „Himmlische Physik“ nennt. Nach dieser „himmlischen Physik“ wiegt das kleinere aber abgesparte Opfer vor Gott gegebenenfalls viel mehr als der große Betrag, der nur ein Teil des reichen Überflusses ist.

Die Opferbüchse des Kunstschlossers Emil Hettmannsperger zollt bis heute jedem Respekt, für den die Gabe am Ende des Gottesdienstes wirklich ein dankbares „Opfer“ an Gott darstellt.