Kein Leid bleibt bei Gott ungesehen, kein Schmerz ungeteilt - Andacht am Karfreitag

Liebe Gemeinde,
am Karfreitag denken wir daran, dass Jesus auf Golgatha gestorben ist, dass er am Kreuz hängend sein Leben verlor. Im Johannesevangelium wird berichtet, dass die letzten Worte von Jesus folgende waren: „Es ist vollbracht!“.
„Es ist vollbracht“ – das ist ein einziges Wort im griechischen Urtext. Man kann es auch übersetzen mit „Vollendet!“, „Am Ziel!“ oder „Fertig, eben: fix und fertig!“
Eigentlich hätte man diese Worte eher von Jesu Widersachern, von seinen Feinden erwartet. „Es ist vollbracht!“, das sagt nun aber keiner der Soldaten, nein, Jesus selbst sagt es, er, der am Kreuz stirbt. Abgebrochen ist sein Weg. Und doch kommt auf geheimnisvolle Weise sein Lebensweg gerade so ans Ziel. Was für alle wie eine tiefste Niederlage aussieht, ist in Wahrheit die Vollendung.

Lesen wir dazu den Text aus dem Johannesevangelium, Kapitel 19, die Verse 16b – 30:
16 Da überantwortete er ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde. Sie nahmen ihn aber, 17 und er trug selber das Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. 18 Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte. 19 Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden König. 20 Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. 21 Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreibe nicht: Der Juden König, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der Juden König. 22 Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben. 23 Die Soldaten aber, da sie Jesus gekreuzigt hatten, nahmen seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch den Rock. Der aber war ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. 24 Da sprachen sie untereinander: Lasst uns den nicht zerteilen, sondern darum losen, wem er gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten.
25 Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria Magdalena.26 Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! 27 Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.28 Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. 29 Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und hielten ihm den an den Mund.
30 Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied.

Liebe Gemeinde! 
Wer würde in diesem Geschehen einen Sieg sehen, wer könnte in diesem Tod, voll Spott und Hohn Gottes Handschrift finden?
Und doch sagt Jesus am Ende die Worte des Siegers: „Es ist vollbracht.“ Nicht die Soldaten, nicht seine noch so mächtigen Feinde und Mörder bestimmen den Zeitpunkt, an dem alles vorbei ist, an dem Jesus sich in die Arme Gottes wirft, nein, er selbst tut dies. Da wird einer aufgehängt und ans Kreuz genagelt. Da würfeln Soldaten um seine Kleider und er sorgt sich um seine Mutter, da hat einer Durst, bekommt aber nur Essig zu trinken und stirbt auf grausame Weise. Und seine letzten Worte sind die Worte: „Es ist vollbracht!“
Das Böse, so mächtig und beherrschend es auch scheint, es muss sich bücken, ducken unter der Macht Gottes. Kaum zu verstehen ist dies für uns, liebe Gemeinde, eigentlich gar nicht nachvollziehbar.
Wie kann einer am Kreuz, im Leid, im Tod der Sieger sein?
Wie kann in einer solchen Niederlage ein Gewinn stecken?
Das Kreuz, also nicht mehr nur ein Ort des Jammerns und der Klage, sondern auch der Herrlichkeit Gottes?
Der amerikanische Theologe Robert Schuller hat in seinem Buch: „Aus Tränen werden Edelsteine“ Schicksale aufgeschrieben, die alles im Leben der betroffenen Menschen verändert haben. Nichts blieb mehr für sie, wie es war. Sie wurden durch Schmerz und Tränen hindurchgeführt, und – sie wurden bewahrt. Sie wurden bewahrt und verwandelt. Allein war es diesen Menschen nicht möglich ihren Weg zu gehen. Sie konnten es nur mit Gott tun, mit seiner Hilfe. Schuller beschreibt in eindrücklichen Worten, wie Leid so in etwas Gutes verwandelt wurde, wie aus Wunden und Narben leuchtende Sterne wurden.
Er verdeutlicht es anhand eines Beispiels von einem prächtigen Königspalast. „Dieser Palast – es gibt ihn wirklich -  ist mit anderen Palästen gar nicht zu vergleichen, er ist einmalig, ja einzigartig. Man betritt ihn, und die große Eingangshalle erstrahlt in glitzerndem und funkelndem Glas. Einen Augenblick denkt man, dass die kuppelförmige Decke, die Wände und die Säulen überall mit Diamanten besetzt sind…bis man erkennt, dass man keine Diamanten, sondern geschliffenes Glas vor sich hat. Es sind lauter kleine Spiegelstücke. Die Kanten unzähliger kleiner Spiegel reflektieren das Licht und erstrahlen in den Farben des Regenbogens! Es ist ein Mosaik aus Spiegeln! Sie werden nicht glauben, wie es dazu kam. Als man den Palast plante, ließen die Architekten aus Paris Spiegel kommen, um die Eingangshalle damit zu verkleiden. Als sie schließlich ankamen und die Kisten geöffnet wurden, fielen ihnen aber lauter Scherben entgegen. Die Spiegel waren auf der Reise alle zerbrochen! Man wollte sie gerade wegwerfen, als ein kreativer Mann sagte: „Halt! Vielleicht wird die Halle noch schöner, nachdem die Spiegel zerbrochen sind.“ Es nahm einige der größeren Spiegel und zerschlug auch sie. Dann sammelte er alle kleinen Stücke ein und setzte sie in einem abstrakten Muster wieder zusammen. Wer es sieht wird feststellen, dass ihre Reflexion enorm verzerrt ist und sie wie Diamanten in den Farben des Regenbogens funkeln. Ein Zerbrechen, das zu mehr Schönheit führte!

Liebe Gemeinde, 
Ein Zerbrechen, das zu mehr Schönheit führt. Ein Scheitern, das sich als Sieg herausstellt.
All dies soll erlebtes Leid und gefühlte Trauer ganz gewiss nicht verharmlosen und verklären. Leid bleibt Leid, und manchmal meinen wir an dem, was uns abverlangt wird, zerbrechen zu müssen, ja und mancher zerbricht sogar daran!
Ich denke hier jetzt in unserer Zeit der Corona-Pandemie gerade an die Menschen, die selbst erkranken oder Angehörige haben, die erkranken oder sogar sterben. Das ist furchtbares Leid, das sie gerade erleben, einfach nur Leid! Ich denke an die Ärztinnen und Ärzte, an Pflegerinnen und Pfleger, die über ihre Kraft hinaus ihren Dienst tun für Erkrankte. Sie sehen schlimmes Leid und können nicht immer helfen.
Und auch Jesu Sterben am Kreuz war ein grausames, unmenschliches Geschehen. Jesus hat gelitten, obwohl er doch auch leben wollte. Im Garten Gethsemane fleht er zu Gott: Vater, ist´s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber er konnte doch alles in Gottes Hand geben: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände. Das gab den Richtungswechsel an. Nicht nur für seinen Weg, sondern auch für unser Leben.
Für uns bedeutet das:
Nichts, aber auch wirklich gar nichts kann uns trennen von Gott. Keine Macht der Welt, auch wenn sie uns noch so mächtig erscheint kann Gott daran hindern zu wirken und Gutes entstehen zu lassen. Kein Leid bleibt bei Gott ungesehen, kein Schmerz ungeteilt.
Und wenn wir meinen, innerlich zu zerbrechen, dann ist Gott auch da, steht an unserer Seite, weint mit uns und geht mit uns durch das dunkle Tal hindurch.
Und irgendwann, darauf hoffen wir, führt er uns aus dem dunklen Tal heraus wieder ins Helle, ins Weite, zur Hoffnung und zu neuem Leben, ja zu neuer, ganz anderer Schönheit, wie in dem Palast aus Schullers Buch. 
„Es ist vollbracht“ – Gott hat beschlossen, das Böse durch das Gute zu überwinden, die Gewalt durch Gewaltlosigkeit, die Macht durch die Ohnmacht.
Gott sei Dank, es ist vollbracht.  Das soll für uns alle Hoffnung sein.
Amen
 
Ihre Pfarrerin Ursula Braxmaier