Andacht zur Fichtenberger Altarwand

Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an
1. Samuel 16,7


In unserer Kilianskirche in Fichtenberg hat die Malerin und Glaskünstlerin Angelika Weingardt aus Blaubeuren im Rahmen der letzten großen Kirchensanierung im Jahr 2002 den Innenraum neugestaltet.  Bei dieser Gestaltung hat sie versucht, auch die Verbindung zur alten Filialkirche, der Georgskirche in Mittelrot aufzunehmen.
Z.B. hat sie auf der Altarwand rechts neben dem Kreuz, die Umrisse von zwei Personen, die nur mit Rumpf und ihren Attributen angedeutet sind, zwei der Evangelisten dargestellt, die auf der Holzpredella, dem unteren Teil des Altars in Mittelrot, zu sehen sind. Die linke Figur, das ist der Evangelist Lukas, hält eine Schreibfeder und ein Buch in der Hand. Die rechte Figur, das ist der Evangelist Johannes, segnet den Abendmahlskelch.
Wie gesagt, nur skizziert, angedeutet, sind diese zwei Personen auf der Altarwand der Kilianskirche. Mancher Betrachter meinte schon, die Skizzen seien noch gar nicht fertig.

Ich persönlich finde es schön, dass die Skizzen nur angedeutet und damit so „unfertig“ wirken und für verschiedenste Auslegungen offen sind.
Ich habe mir beim Betrachten dieser Skizzen überlegt, wie andere mich wohl  skizzenhaft darstellen würden und mit welchen Kennzeichen, Wesenszügen, Charakteristiken? Vielleicht mit einem Lächeln im Gesicht (wenn mein Gesicht zu sehen wäre) oder singend, mit einem Notenblatt in der Hand, oder im Talar? Oder ganz anders…?
Und wie würde ich mich selbst oder mein Mann und meine Kinder, die mich sehr gut kennen, skizzenhaft darstellen?  Wahrscheinlich gäbe es da sehr unterschiedliche Skizzen!

Was macht einen Mensch denn aus? Nur die positiven Eigenschaften, Merkmale, Wesenszüge, das was von außen gut sichtbar ist? Oder auch die Schwächen, die Verwundungen, die Seiten, die man nicht gerne nach außen kehrt?

Im 1. Samuelbuch steht der Vers: Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an.
Wie gut, dass das so ist, dass Gott unser Herz anschaut, dass er unser Innerstes kennt und nicht nur all das, was wir nach außen hin von uns preisgeben.
Wie gut, dass Gott auch all unsere Fragen, unsere Unsicherheiten, unsere Selbstzweifel, unsere Ängste kennt, dass wir uns ihm öffnen können, ohne Angst, schlecht angesehen oder unbeliebt zu sein, oder nicht der Norm, dem, was von uns erwartet wird, zu entsprechen.

Gerade jetzt in Zeiten der Corona-Pandemie, in denen alles anders läuft wie sonst, in denen viele mehr Zeit zuhause und mit sich selbst verbringen (müssen), bleibt gewiss manches Nachdenken übers Leben, über sich selbst nicht aus. Manch einen führt das vielleicht auch zu ganz neuen Einsichten, positiven oder schmerzhaften.

Der evangelische Theologe Helmut Gollwitzer hat einmal gesagt „Gott schreibt
auch auf krummen Linien gerade“
. Das finde ich sehr tröstlich, darauf zu vertrauen, dass Gott auch mich mit meinen Unzulänglichkeiten und Stärken liebt und brauchen kann, dass er mit mir, so wie ich bin, etwas bewirken will.

Ich wünsche uns allen, dass wir dies immer wieder spüren.
Mit herzlichen Grüßen Ihre Pfarrerin Ursula Braxmaier


Gebet
Gib mir zu spüren, Gott,
dass dein Wohlwollen mit liebend umfängt.
Wenn ich aufgehoben bin in Dir,
muss ich nicht auf andere herabsehen,
mich nicht klein und wertlos fühlen. …
Richte mich auf aus meiner Angstgebeugtheit.
Befreie mich von Überheblichkeit.
Dir gebe ich ab den zerstörerischen Drang,
besser, erfolgreicher, beliebter und klüger zu sein.
Ich will nicht atemlos um die Wette rennen,
sondern das Miteinander und Füreinander leben.
Hilf mir durch deine Nähe,
mir und den Menschen herum liebevoll zu begegnen.
Du allein kennst das Herz und die Geschichte eines Jeden/einer Jeden.
Du allein weißt, warum eine/r so ist, wie sie/er ist.
Wir alle sind Deiner Liebe und Deiner Achtung wert.
Aufgehoben in Deiner Liebe kann ich leben.
Amen
 
(nach einem Gebet von A.S. Nägeli)