Lassen wir ihn einziehen

Liebe Gemeinde!
Die Kirche feiert heute weltweit den Palmsonntag. An diesem Sonntag vor dem Osterfest erinnern wir Christen uns an den Einzug von Jesus nach Jerusalem.

Wir lesen den Bericht nach dem Evangelium des Matthäus.
Wir finden ihn in Kapitel 21:

Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus. Und er sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt.
Und sogleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr;
bindet sie los und führt sie zu mir!
Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer.
Sogleich wird er sie euch überlassen. Das geschah aber, auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht:
»Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.«
Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte.
Und sie brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf. Und er setzte sich darauf.
Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg;
andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg.
Das Volk aber, das ihm voranging und nachfolgte, schrie und sprach:
Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!
Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und sprach:
Wer ist der?
Das Volk aber sprach: Das ist der Prophet Jesus aus Nazareth in Galiläa.


Liebe Gemeinde!
Mit meinen Schülerinnen und Schülern habe ich die Geschichte im Religionsunterricht behandelt.
Aber bevor ich ihnen die Geschichte erzählt habe, habe ich sie gefragt:
„Wie stellt Ihr Euch einen König vor?
Was braucht ein König, damit er als König erkennbar ist?“

Und dann haben die Schülerinnen und Schüler ganz viel zusammengetragen:
„Also, ein König, der braucht eine Krone. Und ein Schwert natürlich.“
„Und Diener.“
„Und Soldaten.“
„Und ein Pferd, auf dem er reitet.“
„Oder eine Kutsche.“
„Vielleicht lässt er sich auch in einer Sänfte tragen.“
„Und mächtig ist ein König natürlich.“
„Was er sagt, das müssen seine Untertanen tun.“
„Er kann die Leute ins Gefängnis werfen lassen.“
„Und er führt Kriege.“

Und dann habe ich meiner Klasse die Geschichte erzählt, wie Jesus nach Jerusalem eingezogen ist.
Für die Schülerinnen und Schüler war klar:
Die Menschen, die haben Jesus wie einen König begrüßt.

Eine große Menge an Leuten jubelte ihm zu. Viele haben ihre Kleider auf den Weg gelegt.
So ähnlich wie heute Staatsoberhäupter einen roten Teppich ausgerollt bekommen.

Andere Leute haben Zweige von den Bäumen abgehauen und haben sie auf den Weg gestreut.
Und die Menschenmenge hat Jesus zugejubelt. Wenn das kein königlicher Empfang ist!

Aber dann habe ich meine Schüler gefragt: „Eben, da habt Ihr zusammengetragen, wie Ihr Euch einen König vorstellt.
Was von dem findet Ihr denn in der Geschichte wieder.“

Und dann haben die Jungs und Mädchen festgestellt: Nichts von all dem hat Jesus.

Stattdessen der Esel.
Das Arbeitstier der armen Leute.
Jesus setzt damit bewusst ein Zeichen.
Ob die Menschenmenge das Zeichen verstanden hat?
Und ob die Jünger das verstanden haben?
Ich glaube kaum.

Für sie war der Triumphzug wahrscheinlich wichtiger als der Esel.
Der Evangelist Johannes sagt es ausdrücklich: „All das verstanden die Jünger noch nicht.“
(Joh 12,16)
Die Jünger mussten noch viel lernen.
Sie mussten den Karfreitag und Ostern erleben, bis sie verstanden haben, in welchem Sinn Jesus der Messias, der König von Israel ist.

Jesus geht es nicht ums Herrschen. Um Macht und Erfolg.
Jesus ist der Immanuel. Der Gott-ist-mit-uns.
In ihm kommt uns Gott selber nahe. Und zwar so, dass Gott unser Geschick teilt. Geburt, Freude und Leid und Schmerzen und auch den Tod. Indem Jesus auf einem Esel reitet, will er uns zeigen:
Ich bin nicht über Euch!
Ich bin bei Euch.

Einer meiner Schüler hat das ganz schnell verstanden. Und er meinte: „Jesus will nicht ein König der Macht sein. Sondern er will ein König der Herzen sein. König der Herzen!“
Ist das nicht ein ganz wunderbarer Ausdruck für Jesus?
Jesus ist als Herzenskönig jetzt auch bei uns in dieser schweren Zeit der Corona-Pandemie. Nicht so, dass einfach alles ganz schnell wieder gut wird. Aber so, dass er unsere Sorgen und Nöte teilt. Dass er bei den Ärzten und Ärztinnen ist,
bei den Krankenschwestern und Pflegern,

bei den Kranken und bei denen, die auf dem Weg der Gesundung sind.
Er ist bei denen, deren wirtschaftliche Existenz auf dem Spiel steht,
bei denen, die um ihren Arbeitsplatz oder um ihre Firma bangen. Und Jesus ist bei den Sterbenden. Und bei den Angehörigen. Nicht so ist er bei uns, dass er einfach die Umkehrung aller Nöte bringt. Freilich passiert auch das immer wieder, dass Menschen erleben, was wir Wunder nennen. Nämlich unbegreifliche Hilfe und Heilung. Aber das ist nicht berechenbar und einplanbar. Das kann man nur als Geschenk empfangen.
 
Aber Jesus will uns auf jeden Fall beistehen. Er will uns Kraft geben und Geduld und Durchhaltevermögen. Er will uns spüren lassen, dass wir nicht verlassen sind von Gott und der Welt. Und er will uns Hoffnung geben und Zuversicht.
Öffnen wir Jesus, dem Herzenskönig, unser Herz. Lassen wir ihn einziehen in unser Leben, in unser Fühlen, Denken und Reden.

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen einen gesegneten Palmsonntag. Bleiben Sie gesund und behütet!
Das wünscht Ihnen Ihr Pfarrer Andreas Balko

Gebet

Jesus, du kommst im Namen des Herrn.
Du lieferst dich Menschen aus und gibst dein Leben für uns.
Versöhnende Kraft geht von dir aus.  
Wir brauchen nicht mehr auf Erfolg und Macht und Gewalt zu setzen. Du machst uns Hoffnung,
dass Sanftmut und Liebe die Welt bewahren werden.

Vor dir denken wir an Not und Elend mitten unter uns. Wir denken an die Kranken und Sterbenden. Aber auch an alle, die wieder gesund geworden sind. Wir denken an Ärztinnen und Ärzte, an Krankenschwestern und Pfleger, Rettungskräfte und Arzthelferinnen,
an alle, die nicht müde werden, anderen beizustehen. Wir denken an die Kassiererinnen und Kassierer in den Supermärkten, an Lastkraftwagenfahrer, Polizisten, an alle, die den Betrieb aufrechterhalten. Und schließlich denken wir an die Verantwortlichen in Gesundheitsämtern und Einrichtungen, in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft.

Sei ihnen alle nahe und stehe ihnen bei.
Gib Trost, Kraft, Durchhaltevermögen und Geduld.
Amen.