Zum Karfreitag

Predigt für Karfreitag, 10. April 2020 von Prädikant Herbert Hess
Predigttext: 2. Korinther 5, 19–21


Liebe Leserinnen und Leser,
Ganz herzlich begrüße ich Sie zum Gottesdienst am Karfreitag.
Am Karfreitag gedenken Christinnen und Christen auf der ganzen Welt des Todes Jesu. Sein Ruf „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ greift die mit diesem Tag verbundene Frage nach der Gegenwart Gottes im Leiden auf.

Der Predigttext für den heutigen Karfreitag steht im 2. Brief an die Korinther, Kapitel 5, 19–21.
19 Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.
20 So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott.
21 Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

Liebe Leserinnen und Leser,
Wir haben ein sehr feines Gespür für das, was recht und was unrecht ist. Dieses Gespür zieht sich bei den kleinen und bei den großen Dingen durch unser ganzes Leben hindurch. So ärgern wir uns, wenn sich jemand beim Einsteigen in den Bus oder Zug vordrängt oder wir werden wütend, wenn uns jemand die Vorfahrt nimmt. Oft sagen wir dann zu uns: Das darf der doch nicht.

Wir messen für uns diese Dinge messerscharf und sind auch davon überzeugt, dass es genauso war. Unser inneres Messgerät ist nie ausgeschaltet; es ist immer in Aktion. Doch wenn wir ehrlich sind wissen wir auch, dass wir dabei oft mit zweierlei Maß messen. Wir wissen immer sehr genau, was der oder die andere falsch gemacht oder wo sie versagt haben. Aber bei uns selbst sind wir meist nachsichtig und verzeihen uns gerne, was wir bei anderen verurteilen.

Die Frage von Recht und Unrecht prägt unser gesamtes Leben, von der frühesten Kindheit
bis ins hohe Alter, von den kleinen bis zu den ganz großen Themen. Aber warum ist das so?
Letztlich spiegelt sich im Messen unter uns Menschen, dass unser ganzes Leben nach einem ganz anderen Maßstab gemessen wird. Dieser andere Maßstab ist Gottes Liebesgebot, das da heißt: Gott über alle Dinge lieben und deinen Nächsten wie dich selbst. Wenn dann vor Gott alle unsere Jahrzehnte aufgerollt werden mit dem, was wir getan und gesagt, was wir unterlassen, ja was wir gedacht und empfunden haben. Ja - dann ahnen wir nichts Gutes.

Was kommt dabei heraus? Werden wir Gott recht sein?
Das sind die bedrängenden Fragen, in die die Botschaft des Karfreitags geradezu hineinplatzt. Denn was wir in dieser Botschaft hören, bringt alles durcheinander, was wir zu erwarten hatten. Das Kreuz von Jesus stellt im wahrsten Sinne des Wortes die Welt auf den Kopf.

Doch eigentlich müsste Gott empört sein über die Art und Weise, wie seine Menschen miteinander umgehen, wie sie sich bekriegen, wie sie sich ihr Leben gegenseitig zur Hölle machen. Und es ist noch viel mehr. Gott ist empört, dass er sie umfassend mit guten Gaben überschüttet. Sie es ihm aber nicht danken. Ganz im Gegenteil, sie wenden ihm verächtlich den Rücken zu. Sie kümmern sich nicht um seine heilsamen Leitlinien für ihr Leben. Gemessen am gerechten Maßstab Gottes müsste uns Menschen das gerechte Urteil Gottes treffen.

Doch nun erreicht uns, die Botschaft des Karfreitags: Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber. Völlig unerwartet, ganz unbegründet nimmt Gott eine Vertauschung vor. Er verkehrt unsere Lage total. Er stellt alles auf den Kopf. Gott macht der Feindschaft ein Ende und schafft stattdessen Frieden. Denken Sie nur einmal an die Krisenherde auf dieser Welt. Wenn man dort sagen könnte: Die Vereinten Nationen machen der Feindschaft ein Ende und schaffen Frieden. Ja, es wäre dann nicht mehr nötig, dass Flüchtlinge ihr Land verlassen müssten. Jeder könnte dann glücklich zuhause leben. Die Begeisterung und der Jubel wären grenzenlos.

An Karfreitag aber handelt nicht eine menschliche Organisation. An Karfreitag greift der lebendige Gott in das Menschheitsgeschehen ein. Er schafft Frieden – und zwar nicht nur als äußerlichen Waffenstillstand, sondern Frieden im Herzen der Rebellen.
Wie er das tut, das hören wir Jahr für Jahr aufs Neue:
Sein Sohn Jesus Christus opfert sein Leben in einem grausamen Tod für uns. Dieses schreckliche Ereignis wirkt wie ein Röntgengerät. Es zeigt uns an, was wir sonst nicht wissen könnten. Es enthüllt uns, wie Gott ist, und es zeigt uns zugleich, wie es um uns Menschen bestellt ist.

Es gehört zum Wesen der Menschen zu verniedlichen und zu bagatellisieren. Daran sind auch wir immer wieder beteiligt. Der ausgestreckte Zeigefinger: »Der da war’s.« Die regelmäßige Ausrede: »Ich kann eigentlich nichts dafür.« – Das und vieles mehr lassen das Gestrüpp an Sünde erahnen, in dem wir uns immer wieder verheddern. In alledem kommt immer wieder an den Tag: Wir wollen unser eigener Herr sein. Uns hat keiner dreinzureden – kein Mensch und auch kein Gott. Diese unsere Anmaßung gegenüber dem Schöpfer – das ist unsere eigentliche Schuld. Sie ist ein Gefängnis, aus dem sich kein Mensch selbst befreien kann. So ist es um uns Menschen bestellt. Doch nun enthüllt der Karfreitag zugleich, wie Gott ist. Entgegen aller Erwartung wird dieser Tiefpunkt der Menschheitsgeschichte zum unerwarteten Wendepunkt. Das Kreuz stellt alles auf den Kopf und kehrt unsere Situation total um. Gott macht mit uns Frieden. Der Tod von Jesus am Kreuz bewirkt eine völlig neue Lage: »Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber«. Wo vorher Krieg war, herrscht jetzt Friede. Wo vorher Feindschaft war, ist jetzt Freundschaft. Wo vorher der Tod regiert hat, blüht jetzt das Leben.

Das ist der wundersame Tausch, der uns über alle Maßen froh und fröhlich macht. Das Alte ist abgestorben, das Neue ist umfassend geworden. Am Karfreitag vor 2.000 Jahren ist diese Versöhnung erfolgt. Gott setzt diesen Friedensschluss gegenüber den ehemaligen Feinden mit göttlicher Gewalt durch. Er ruft ganz gewöhnliche Menschen und gibt ihnen den Auftrag: Sagt diese Botschaft von der Versöhnung, vom Frieden, vom Heil an. Ladet alle Menschen zum Fest bei Gott ein und lasst euch versöhnen mit Gott. Er schenkt euch dann den himmlischen Frieden, das entlastete Gewissen und die lebendige Hoffnung. Er legt seine Hand auf euer Leben und sagt: Ich möchte das prägen, was ihr denkt, plant und tut.

Ja, wir haben recht gehört: Der Gerechte starb für mich Ungerechten. Dieser Tod entfaltet auch heute am Karfreitag seine heilvolle Wirkung. Ich gehöre auf einmal zu Gottes Friedensbewegung. Das bleibt nicht ohne Auswirkungen: Staunen, Glück, Dank brechen auf – und die tiefe Sehnsucht, nun auch andere zu bitten: Lassen Sie sich heute am Karfreitag versöhnen mit Gott. Amen.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Karfreitag. Bleiben Sie gesund und behütet! Ihr Prädikant Herbert Hess

Gebet

Allmächtiger Gott, wir danken Dir, dass du uns durch das Leiden und Sterben deines Sohnes versöhnt und in die Gemeinschaft deines Volkes gerufen hast. Breite deinen Frieden aus - über alle Menschen, die unter Streit, Hass und Gewalt leiden, die in Schuld verstrickt sind, die dem Tod entgegen gehen. Stärke unseren Glauben und erhalte ihn lebendig durch deinen Geist. Schenke uns die Zuversicht, dass uns nichts scheiden kann von deiner Liebe, die in Jesus ist, dem Gekreuzigten und Auferstandenen,unserm Herrn.
Vater unser im Himmel Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen
Empfangt den Segen des Herrn: Der Herr segne euch und behüte euch. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden.