Predigt für den ersten Sonntag nach Ostern (Quasimodogeniti)

Liebe Leserinnen und Leser,
ganz herzlich begrüße ich Sie zum
Gottesdienst am 1.Sonntag nach Ostern, dem Sonntag Quasimodogeniti.
Der Wochenspruch aus dem 1.Petrus 1,3 stellt noch einmal die Verbindung zum Ostergeschehen her.
Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus,
der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen
Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten . 

Liebe Leserinnen und Leser,
Müde zu sein, kann schön sein. Wenn man nach einer langen Wanderung durch die Natur erschöpft zuhause ankommt. Dann ist man meist müde, aber auch glücklich. Oder, wer sein Tagwerk erledigt hat, ob im Beruf oder zuhause, ist danach müde. Ich habe das gearbeitet, was ich mir vorgenommen habe, das macht mich zufrieden. Jetzt habe ich mir den Feierabend redlich verdient. Jetzt ist es Zeit, die Beine hochzulegen und auszuruhen.
Doch müde zu sein, kann auch bedrückend sein. Z.B., wenn ich spüre: Ich habe nicht die Kraft, das zu tun, was ich tun will – oder muss. Oder wenn sich bleierne Schwere in meinen Gliedern ausbreitet, und ich nichts mehr von der Welt wissen will und merke: Ich habe einfach genug. Dann wird die Müdigkeit zur Last. Und es fehlt nicht mehr viel, dass ich nicht nur meine Kraft, sondern auch meinen Glauben verliere.
Wie gut wäre es, wenn jemand da wäre, der meine innere Not sieht.
Ich hätte gern jemand bei mir, der versteht, wie es mir geht und der meinen gesenkten Blick aufrichtet.
Doch wir beuten uns freiwillig selbst aus.  Wir strampeln uns ab im Hamsterrad. Wir brauchen gar keine Aufseher und keine Antreiber, denn wir treiben uns selbst an. Wie wichtig wäre es da, aus diesem Hamsterrad wieder herauszukommen. Die Augen aufzumachen und die Freiheit wieder zu finden.
Auch das Volk Israel kennt das: seine Freiheit zu verlieren. Sie haben es am eigenen Leib erfahren.
Sie hatten ihre Heimat verlassen müssen. Sie waren mit Gewalt umgesiedelt worden nach Babylon.
Seit Jahrzehnten schon saßen sie dort fest. Die Hoffnung auf baldige Rückkehr war längst zerschlagen. Das Exil hatte sie zermürbt. Und Gott, wo war Gott?
War ihm das Schicksal seines Volkes gleich? Schwermut, Zweifel an Gottes Treue und Hoffnungslosigkeit senkte sich wie ein Nebel auf das Volk der Verbannten.

Einer jedoch fasste sich ein Herz und fand Worte, um die ermüdeten Augen aufzurichten. Oder besser:
Ihm wurden solche erhebenden Worte gegeben. In der Bibel sind diese Worte im Buch des Propheten Jesaja 40, 26–31 aufgeschrieben.
26 Hebt eure Augen in die Höhe und seht. Wer hat all dies geschaffen?
Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen;
seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.
27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du,
Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN
verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«?
28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört?
Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.
29 Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.
30 Jünglinge werden müde und matt, und
Männer straucheln und fallen;
31 aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Liebe Leserinnen und Leser,
wenn wir am Abend den Kopf in den Nacken legen, da können wir staunen über das, was wir am nächtlichen Himmel sehen. Abermillionen von Sternen, alle von Gott geschaffen.
Ja, wer den Sternenhimmel sieht und sich von seiner Weite berühren lässt, fühlt sich plötzlich ganz klein gegenüber der unermesslichen Weite des Alls. Und doch gleichzeitig auch groß: Diese wunderbare Welt hat Gott geschaffen. Und ich darf ein Teil darin sein. Gott hat auch mich im Blick.
Da wird man wieder zum Kind und schnell fällt einem das Lied ein:
»Weißt du, wie viel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt?
Weißt du, wie viel Wolken gehen weithin über alle Welt?
Gott, der Herr, hat sie gezählet,
dass ihm auch nicht eines fehlet an der ganzen großen Zahl. […]
Kennt auch dich und hat dich lieb,
kennt auch dich und hat dich lieb.«
(EG 511, 1 …)
Ja so hat es vielleicht unsere Mutter oder unsere Großmutter beim Einschlafen für uns gesungen. Es hat uns getröstet und gutgetan. Wir konnten loslassen, was uns beschwert hat. Selig konnten wir uns ins Kissen kuscheln.
Wer solche Geborgenheit einmal hat erleben dürfen, wird sich zeitlebens danach sehnen, auch als Erwachsener. Denn das Kind von damals ist immer noch in uns drin. Und dieses Kind in uns will immer wieder den Schluss hören: 
«kennt auch dich und hat dich lieb.«
Liebe Leserinnen und Leser,
in unserem Predigttext fragt der Prophet den Jakob und das Volk Israel: Bist du so müde geworden? Schau doch: Wie Gott in der Dämmerung die Sterne an den Himmel führt, so hat er uns aus der Sklaverei und aus Ägypten herausgeführt. Ja, wie er die Sterne namentlich kennt, so kennt er auch mich bei meinem Namen.
Wer weiß, dass er geliebt wird, geht leichter durchs Leben. An Verliebten kann man es sehen. Leichtfüßig, wie auf Wolken schweben sie dahin. Als könne keine Macht der Welt sie aufhalten.
Doch wir wissen auch, dass unsere Kräfte begrenzt sind, schon rein körperlich. Nicht erst im Alter wird uns das schmerzlich bewusst. Selbst Spitzensportler können nicht immer Spitzenleistungen bringen. Ihr Körper setzt ihnen Grenzen. Keiner ist immer top fit. Es gibt Tage, da geht es einfach nicht so, wie ich will, und ich muss langsam tun. Dann darf das auch so sein. Dann genügt es, wenn ein anderer stark ist.
Liebe Leserinnen und Leser,
der Herr, der ewige Gott, der die Erde geschaffen hat, der wird nicht müde und matt. Ja, er wird so wenig müde und matt, dass er auch dem Müden noch Kraft und dem Unvermögenden genug Stärke gibt.
Damit wir es uns besser vorstellen können, lässt uns Jesaja ein zweites Mal in den Himmel schauen. Nach dem Blick an den mit Sternen übersäten Nachthimmel nun der Blick an den taghellen Himmel. Hier ziehen Raubvögel ihre Bahn. Keinen geringeren als den »König der Lüfte«, den Adler, führt uns der Prophet vor Augen. Der Adler ist ein kraftvolles Tier. Wer ihn einmal in Natur oder auch in einer Falknerei, etwa in Lorch oder auf dem Hohen Neuffen, erlebt hat, kann das bezeugen. Wenn so ein Adler kraftvoll seine Schwingen ausbreitet und mit Schwung abhebt, so dass die Luft erzittert, lässt einen das nur ehrfürchtig staunen. Und so spüren wir dabei auch, wie Hoffnung in uns wächst.
Nichts weniger ist uns müden Menschen versprochen. Auch heute in den Zeiten der Corona Pandemie soll diese Hoffnung in uns wachsen und uns Mut machen.
Amen.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag. Bleiben Sie gesund und behütet!
Ihr Prädikant Herbert Hess

Fürbittegebet

Gott,
wir glauben, dass du wirkst in allen Kräften der Welt nach deinem Willen.
In dir ist das Undenkbare möglich und selbst der Tod ist überwunden in dir.
So bitten wir dich: Gib den Müden Kraft. Erbarme dich der Kranken und Sterbenden,
insbesondere aller an dem Corona Virus erkrankten.
Erbarme dich der Einsamen und derer, die haltlos treiben durch die Tage ihres Lebens,
der Suchenden und der Enttäuschten,
aber auch allen, die nur sich selbst vertrauen und darüber verzweifeln.

Wir bitten dich:
Gib Stärke dem Unvermögenden.
Erbarme dich derer, die sich nicht abfinden mit den Verhältnissen der Welt,
die dem Krieg widersprechen und der Gewalt,  die sich in Wort und Gedanken und Tat für Menschen in Not einsetzen, die am Leid, nicht vorübergehen,
die ihre Zeit und Lebenskraft für die Erkrankten geben,
denn es ist Hoffnung in dir.

Wir bitten für alle, die auf dich, den Herrn harren.
Wir bitten
für die weltweite Kirche, für die Fragenden, die Zweifelnden,
für alle, die einen Weg suchen zu dir und ihn nicht finden,

Allmächtiger Gott,
lass uns nicht matt werden und gib uns Kraft, die uns trägt und schafft und vollendet
in deinem Willen, in deinem Geist, in der Auferstehung deines Sohnes von den Toten.

Amen.

Vater unser im Himmel
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen

Segen

Empfangt den Segen des Herrn:
Der Herr segne euch und behüte euch.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden.
Amen.