Predigt für den zweiten Sonntag nach Ostern (Misericordias Domini)

Votum

Christus spricht: Ich bin der gute Hirte.
Meine Schafe hören meine Stimme.
Und ich kenne sie.
Und sie folgen mir.
Und ich gebe ihnen das ewige Leben.

Liebe Leserinnen und Leser!
Ich begrüße Sie mit dem Wochenspruch herzlich zum zweiten Sonntag nach dem Osterfest.
Misericordias Domini - so lautet der lateinische Name dieses Sonntags.
Auf Deutsch „Barmherzigkeit Gottes“.
Menschen beschreiben die Barmherzigkeit Gottes – seit Jahrtausenden – mit den Worten:
„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“
Und so wird der heutige Sonntag auch „Hirtensonntag“ genannt.

Psalm 23

Der Herr ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße
um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir,
dein Stecken und Stab trösten mich.
Du bereitest vor mir einen Tisch
im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl
und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

Auslegung

Es gibt im Leben gute Wege - und schwere.
Unbeschwert glückliche und bedrückende.
Helle Wege und dunkle Wege.
Es gibt Wege, da machen wir uns auf, mitten ins Leben hinein.
Andere Wege führen uns durch dunkle Täler.

All diese Wege finden wir wieder in dem wohl bekanntesten Psalm.
Dem Psalm 23.

Dieses uralte Gebet begleitet Menschen von ihrer Kindheit bis ins hohe Alter.
Und bis zum letzten Atemzug.
Es sind Worte, mit denen man leben und mit denen man sterben kann.

Der Herr ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.


Das Bild vom guten Hirten berührt tiefe Schichten in unserer Seele.
Es sagt uns zu, dass da einer ist, der bei uns ist.
Als unsichtbarer Begleiter ist er an unserer Seite.
Er geht mit uns durch dick und dünn.
Er führt uns durchs Leben.
Auf unserem ganzen Lebensweg begleitet uns Gott wie ein guter Hirte.
Das legt der Psalmbeter in jedem Vers aus.

Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.


Gott versorgt uns mit dem, was wir zum Leben brauchen.

Weide und Wasser, das brauchen die Schafe zum Leben.

Essen und Trinken brauchen wir.
Und wir brauchen noch viel mehr.
Ein Dach über dem Kopf.
Auskommen.
Menschen, die uns lieben und die wir lieben.
Eine sinnvolle Tätigkeit.

Der Psalmbeter sagt:
Alles, was ich habe, das kommt von Gott.
Er hat mich mit dem versorgt, was ich brauche.
Bis zum heutigen Tag.

Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.


Auf ihren Wegen kommen Schafe mitunter an die Grenze ihrer Kraft.

Manchmal sind auch wir wie ausgelaugt.
Ganz tief drunten.
Wir fühlen uns wie ausgebrannt.
Haben keine Kraft und keinen Lebensmut mehr.

Es sind nicht nur körperliche Beschwerden, die uns zu schaffen machen.
Auch viele andere Probleme drücken uns auf die Seele.

In diesen Zeiten der Corona-Epidemie leiden viele unter den fehlenden Kontakten.
Eben nicht nur per Whatsapp, Facebook und Telefon Kontakt halten
Sondern von Angesicht zu Angesicht.
Danach sehnen wir uns.

Was sonst der Woche Struktur gegeben hat, das fehlt nun.
Das Training mit anderen.
Die gemeinsame Singstunde oder Musikprobe.

Manche haben Sorge, dass sie mit dem Kurzarbeitergeld nicht ihr Haus abzahlen können.
Und wieder andere werden geplagt von puren Ängste um die wirtschaftliche Existenz.

Der Psalm sagt:
Gott will uns wieder neue Kraft geben.
Im Gebet und durch sein Wort kann er uns wieder aufrichten.

Erquicken, heißt es in der Übersetzung von Martin Luther.
Ein altes Wort.
Für viele ist es kaum mehr verständlich.

Aber es meint gerade dies:
Wir sollen wieder Mut und Lebensenergie bekommen.
Kraft, die Tage durchzustehen und die Nächte.
Und auch Geduld, um die Krise durchhalten zu können.

Gott führt uns einen guten Weg durchs Leben.

Vielleicht kann man das oft erst aus dem Rückblick sagen.
Ja, so war es gut, wie es war.
Ich kann mein Leben annehmen.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
fürchte ich kein Unglück.
Denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.


Der Weg der Herden in Israel war oft sehr gefährlich.
Da gab es tiefe Abgründe.
Schluchten, sogenannte Wadis.
Die sind über Wochen, über Monate trocken.
Man kann auf ihrem Grund gehen.
Wenn es aber regnet, verwandeln sie sich in reißende Ströme.

Finsteres Tal.
Luther hat übersetzt: Tal der Todesschatten.
Der Tod wirft immer wieder seine Schatten auf unser Leben.

Jemand stirbt, den wir lieb gehabt haben.

Es gibt schlimme Krankheiten.
Gerade steht das Corona-Virus im Vordergrund.
Aber unser Leben ist auf vielfältige Weise gefährdet.

Und schließlich die letzte Stunde.

Kaum werde ich ein Erlebnis am Bett eines Sterbenden vergessen.
Es war kein religiöser Mensch, haben mir die Schwestern gesagt.

Er war scheinbar nicht mehr ansprechbar.
Unruhig hat er sich hin und hergewälzt.
Und alle paar Minuten hat er sich aufgerichtet.
Entsetzt hat er die Augen aufgerissen.
Als würde er etwas ganz Furchtbares sehen.
Dann hat er sich wieder hingelegt.
Und alles hat wieder von vorne begonnen.

Wie sollte ich mich verhalten?
Konnte ich etwas sagen?
Würde er mich verstehen?

Da habe ich ganz langsam den Psalm 23 gesprochen.
Mit jedem Vers ist der Mann ruhiger geworden.
Und dann ist er in meinem Beisein friedlich verstorben.

Ruhe und Geborgenheit.
Selbst wenn der Lebensweg zu Ende geht.
Denn Gott ist bei mir.

Er hat Macht gegen die Todesmacht.
Stecken und Stab.
Das sind Bilder für die Kraft des Hirten.
Er kann seine Herde schützen und verteidigen.

Gott kann uns auch gegen den größten Feind verteidigen:
Gegen den Tod und gegen alles, was uns anklagt.

Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.


Schafherden haben im alten Israel viele Feinde gehabt.
Wölfe, Bären, Schlangen.

Haben wir auch Feinde?
Menschen, mit denen wir nicht zurechtkommen.
Die gehässig sind.
Die sagen: Du bis selber schuld an Deinem Schicksal.
Mobbing in der Schule und am Arbeitsplatz.
Hetze in den neuen Medien.

Das Bild der Feinde kann für Erfahrungen stehen, die unser Leben bedrohen.
Die unsere Lebensmöglichkeiten einschränken.
Krankheiten etwa.

Und der Tod, der ist wohl unser größter Feind.
Denn er will uns unser höchstes Gut nehmen, das Leben.

Doch der Tod hat im Letzten keine Macht mehr, wo Gott uns sozusagen an den Tisch bittet.

Hier wechselt im Grunde das Bild vom Hirten zum Wirt.
Gott als freigiebiger Wirt leuchtet hier auf.

Und das will uns sagen:
Bei Gott geht es wahrlich nicht kärglich und knausrig zu.
Gott schenkt voll und großzügig ein.
Und das meint, er schenkt uns Lebensfülle - im Hier und Jetzt - und erst recht in Ewigkeit.

Im Angesicht des Todes dürfen wir uns an Gottes Tisch setzen.
Und der Tod kann uns letztlich nichts mehr anhaben.

Wir dürfen uns bewirten lassen.
Und wir dürfen es uns gut gehen lassen bei Gott.
Gott gibt uns Leben in Fülle.
Ein wundervolles Bild, finde ich.

Der katholische Priester und Dichter Lothar Zenetti hat ein Gedicht geschrieben.
Darin heißt es:

Einmal wird uns gewiss die Rechnung präsentiert
für den Sonnenschein und das Rauschen der Blätter,
die sanften Maiglöckchen und die dunklen Tannen,
für den Schnee und den Wind,
den Vogelflug und das Gras und die Schmetterlinge,
für die Luft, die wir geatmet haben,
und den Blick auf die Sterne und für alle die Tage,
die Abende und die Nächte.

Einmal wird es Zeit, dass wir aufbrechen und bezahlen;
bitte die Rechnung.

Doch wir haben sie ohne den Wirt gemacht:
Ich habe euch eingeladen, sagt der und lacht,
so weit die Erde reicht:
Es war mir ein Vergnügen!

Was sich kein Gastwirt leisten kann, weil er sonst pleite geht.
Das kann sich Gott leisten.
Uns frei zu halten.

Ja, er verschenkt großzügig, was wir brauchen:
Leben und Erfüllung.
Umsonst und gratis.

Solange wir leben, sollten wir niemals vergessen, dass wir ihm letztlich alles verdanken.
Unser Leben, die Menschen, die uns am Herzen liegen, unser Auskommen, unser Hab und unser Gut.

Solange wir hier auf der Erde sind, sind wir Gottes Gäste.
Gäste freilich auf Zeit.
Denn eines Tages heißt es für jeden von uns aufzubrechen.

Gutes und Barmherzigkeit werden mit folgen mein Leben lang.
Und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

Der Psalmbeter sagt:
Alle unsere Lebenswege,
mühsame und beschwerliche
und leichte und glückliche,
Wege voller Mühen und Wege voller Arbeit,
Wege des Gelingens und Wege der Krankheit,
und selbst der Weg durch’s Tal der Todesschatten,
all diese Wege führen letztlich zu jenem Ort, den die Bibel Haus Gottes nennt.

Wenn der Psalmbeter von Gottes Haus redet, dann denkt er zunächst einmal an den Tempel in Jerusalem.
Dort haben die Menschen im Alten Israel einen Abglanz jenes ewigen Zuhauses gespürt.

Die Rede vom Haus Gottes ist aber im tiefen Sinn auch ein Bild für das eigentlich Unfassbare.
Dass unser Leben letztlich aufgehoben und geborgen ist.   
Bei Gott.

Gottes Barmherzigkeit ist bei uns, was immer auch geschieht.
Wir dürfen stets in seiner Nähe sein.
Weil er bei uns ist.
Jetzt und für immer.
Das dürfen wir glauben.
Und darauf dürfen wir vertrauen.
Amen.

Andreas Balko

Fürbitte

Wir sagen Dir Dank, Gott, guter Hirte.
Danke, dass du für uns sorgst.
Unser Leben lang hast du uns beschenkt mit so vielem, das wir zum Leben brauchen.
Du hast uns bewahrt und beschützt.
Gib uns weiter für Seele und Leib, was dir gefällt und was uns guttut.
Versorge uns mit der Kraft der Hoffnung - jeden Tag neu.
Öffne uns die Augen für die Menschen, denen wir gute Hirten sein sollen.
Begleite uns auf den ganz verschiedenen Wegen, die wir gehen.
Lass es wieder deine Liebe sein, die uns hält und trägt für immer.
Dir befehlen wir Lebende wie Verstorbene an.
Gesund und Kranke.
Wir vertrauen darauf:
Du bist der gute Hirte - jetzt und in Ewigkeit.
Amen.