Predigt für den Sonntag Kantate

Liebe Zuseherinnen und Zuseher!
Der heutige Sonntag trägt den lateinischen Namen „Kantate“, auf Deutsch „Singet“.
Und damit lädt er uns zum Singen und Musizieren ein.

Nun ist das freilich mit dem Singen und Musizieren so eine Sache zur Zeit.
Bis heute sind die Gottesdienste in den Kirchen des Limpurger Landes ausgesetzt wegen der Corona-Pandemie.
Ab 17. Mai feiern wir wieder Gottesdienste im Kirchenbezirk Gaildorf.

Aber diese Gottesdienste werden nicht so sein wie vor der Corona-Pandemie.
Nicht nur, weil wir im Abstand von zwei Metern verteilt in der Kirche sitzen müssen.
Sondern auch weil kein Gesang möglich ist und kein Bläserklang.
Beim Singen und beim Spielen von Blasinstrumenten verteilen wir nämlich feine Tröpfchen viel weiter als beim Sprechen.
Und damit auch möglicherweise das Virus.

Trotzdem soll das Singen und Musizieren heute im Mittelpunkt des Videogottesdienstes stehen.
Im Nachdenken über das Geschenk der Musik.
Und auch in Bild und Tonbeispielen.

Wir wollen ein bisschen von dem musikalischen Leben aufblitzen lassen, das in Nicht-Corona-Zeiten in unserer Gemeinde existiert.
Teilweise habe ich dazu ins Archiv greifen müssen, weil Chorgesang gerade natürlich überhaupt nicht möglich ist.

Sie sind herzlich eingeladen, zuhause kräftig mit einzustimmen in die Lieder.
Dazu werden jeweils die Liedtexte eingeblendet.

Die christliche Gemeinde ist seit Anfang an eine singende Gemeinde.
Die Lieder Marias, Elisabeths, Simeons und der Engel haben die Geburt Jesu Christi angekündigt.
Oder denken wir an jenen Abend, als Jesus das letzte Abendmahl gefeiert hat.
Bevor Jesus hinausgegangen ist und Verrat und Tod auf sich genommen hat, da haben er und seine Jünger ein Lied gesungen.
Nach Pfingsten ist die erste Gemeinde entstanden.
Die Bibel erzählt, dass die Gläubigen zusammengelebt haben „mit Freuden und lauterem Herzen“.
Und dass sie Gott gelobt haben.
Das meint: In guter jüdischer Tradition haben sie gemeinsam Psalmen gesungen.
Und der Apostel Paulus sagt:
Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen (Eph 5,19)

Natürlich ist gemeinsamer Gesang an sich nichts typisch Christliches.
Fußballfans, Soldaten, Jäger, Gewerkschaftsmitglieder und Bergsteiger singen auch ihre Lieder.

Musik ist für uns Menschen ein ganz elementarer Bestandteil unseres Lebens.
Musik gehört zu den grundlegenden menschlichen Verhaltensweisen:
Wie reden, hören, essen, trinken, schweigen.

So wie das Reden zum Menschsein gehört, so gehört das Singen und Musizieren zum Menschsein.
Und so wie jemand verkümmert, wenn er nicht mehr redet, so verkümmert auch unsere Seele ohne Musik.
Denn Gott hat uns geschaffen als Menschen, die singen und musizieren können.

Aber noch mehr:
Ich denke, die meisten von uns können dem wohl zustimmen, dass Musik der Seele guttut.
Musik kann uns aufmuntern.
Sie kann uns aus festgefahrenen Situationen lösen.
Und sie kann uns tragen und beflügeln.
Musik hat die Fähigkeit, uns Freude und Heiterkeit zu vermitteln.
Sie steckt uns an mit Begeisterung.
Oder sie bringt gar inneren Frieden und Ruhe in die aufgewühlte Seele.

Wie wohltuend Musik sein kann, erfahren wir immer wieder.
Es kann sein, wir sind am Ende eines langen Tages ausgepumpt und leer wie ein trockener Schwamm.
Und dann setzten wir uns hin und lauschen der Musik.
Und wir spüren, wie Verspannungen sich lösen,
wie Ruhe in uns einkehrt,
wie wir neue Kräfte schöpfen.

Martin Luther hat einmal gesagt:
„Die Musik ist die beste Gottesgabe.
Durch sie werden viele und große Anfechtungen verjagt.
Musik ist der beste Trost für einen verstörten Menschen, auch wenn er nur ein wenig zu singen vermag.
Sie ist eine Lehrmeisterin, die die Leute gelinder, sanftmütiger und vernünftiger macht.”

Dass die Musik böse Geister vertreibt, den Teufel, die Sorgen und die innere Unruhe, dessen war sich Martin Luther ganz sicher.
Er hat es auch selber erlebt.

Der Gesang von Christinnen und Christen kennt jedoch eine weitere Dimension:
Gott ist hier der Adressat unseres Singens.
Die Lieder des Glaubens wollen uns Christen miteinander verbinden.
Und sie wollen uns mit Gott verbinden.

Eine Liedstrophe von Paul Gerhardt bündelt, was es mit dem Singen auf sich hat.
Ich singe dir mit Herz und Mund,
Herr, meines Herzens Lust;
ich sing und mach auf Erden kund,
was mir von dir bewusst.

Das beste und höchste Ziel jeder Musik ist es, Gott zu loben und ihm die Ehre zu geben.
Mit unseren Liedern bekennen wir unseren Glauben.
Lieder sind sozusagen gesungene Predigten.
Predigten, die unser Herz tiefer erreichen als nur Worte.

Die Melodien öffnen unser Herz.
Sie verbinden sich auf untrennbare Weise mit der Botschaft der Lieder.

Die Lieder nehmen zusammen mit ihrer Botschaft sozusagen Wohnung in uns.
Werden ein Teil von uns selber.

Solches Singen macht die Singenden auch ein Stück weit glücklicher.
Denn durch die Loblieder werden wir uns bewusst, wie reich wir von Gott beschenkt sind.


Es gibt freilich Lebenslagen, in denen einem geradezu der Gesang im Halse stecken bleibt, die einem das Singen verleiden.
Und doch berichtet die Bibel immer wieder davon, dass Menschen gerade auch in solchen Situationen die Stimme zum Loblied erheben.

So wie die beiden Apostel Paulus und Silas, als sie im Kerker saßen. Geprügelt und gefesselt priesen sie Gott mit Lobgesängen.
So lesen wir es in der Apostelgeschichte (16,25ff).

Solches Singen ist mit der Musik als Schöpfungsgabe allein nicht zu erklären.
Da ereignet sich etwas, was mit dem Glauben zu tun hat.
Es geht um den Glauben, der schon singt, wenn die Nacht noch dunkel ist.
So kann nur singen, wer weiß, dass Gott auch da ist, wo nur tiefe Dunkelheit zu sehen ist.

So kann nur singen, wer weiß, dass einen nichts, aber auch gar nichts scheiden kann von der Liebe Gottes: Weder Trübsal noch Angst noch Verfolgung oder Schwert.
So kann nur singen, wer darauf vertraut, dass Gott Licht ist und Licht bringt in alles Dunkel.

Solches Gotteslob „nützt“ nicht nur Gott.
Es nützt zunächst den Sängern selbst. Denn es macht sich darin eine Kraft bemerkbar, die Fesseln zersprengen kann.
Ich denke: Das wäre ein Kantatensonntag, wenn wir die Kraft der Lieder, des Gotteslobs so erleben könnten.

Dass Sie etwas davon erfahren, wünsche ich Ihnen und Euch allen!

Gebet

Herr, unser Gott!
Wir danken dir für die Musik.
Wir freuen uns an den alten und neuen Liedern.
Wie oft haben sie uns getröstet und aufgemuntert.

Wir danken dir für den Dienst der Organistinnen, der Bläserinnen und Bläser des Posaunenchors, der Sängerinnen und Sänger unserer Chöre und aller Instrumentalisten.
Wir danken dir für alle, die ihre Stimmen und Melodien erklingen lassen in unseren Gottesdiensten.
Segne ihr und unser aller Singen und Musizieren.

Herr, oft ist uns das Klagelied näher als das Loben.
Aber wie oft hast du schon unsere Klage verwandelt in Freude.
Höre darum auch unsere Klage für die, denen Leid und Sorgen den Mund verschlossen haben.

Wir bitten dich für uns, barmherziger Gott!
Gib deine Liebe in das Leben unserer Gemeinde.
Lass sie zur Grundmelodie unseres Zusammenlebens werden, die uns trägt.
Damit wir miteinander Lieder des Lobes und Dankes singen können.
Damit wir zusammen einstimmen können in das Lied der Hoffnung.

Amen