Predigt für das Himmelfahrtsfest

Liebe Gemeinde!
Auf der ganzen Erde feiern Christinnen und Christen heute das Himmelfahrtsfest.

Und doch:
Himmelfahrt ist ein Fest, mit dem viele Menschen heutzutage wenig anfangen können.
Denn die Himmelfahrt ist für viele zu einem Problem geworden.
 
Früher, als wir Kinder waren, da hatten wir vielleicht noch einen unverstellten Zugang zu der Erzählung.
Da war für uns klar, dass Gott im Himmel wohnt.
Der Himmel, das war für uns das blaue Firmament über uns.
Und wir haben uns vorgestellt, dass Gott auf einer weißen Wolke thront.

Seit Christi Himmelfahrt thront Jesus neben ihm.
So haben wir das von Bildern gekannt.

Auf ganz alten Bildern von der Himmelfahrt sieht man nur noch zwei Füße am oberen Bildrand.
Dahinter steht sie Vorstellung, dass Jesus nach oben in den Himmel emporgeschwebt ist,

Aber dieser Himmel als Aufenthaltsort von Gott, Jesus und den Engelwesen ist uns allen verloren gegangen - denke ich.
Auch wenn die Vorstellungen von früher noch tief in uns sitzen.

Aber der Himmel über uns, das Firmament, das ist uns entzaubert.
Spätestens seit die Astronauten im Weltall waren, weiß es jeder vernünftig denkende Mensch: Gott wohnt nicht im Himmel über uns.

Ein Kosmonaut soll einmal gesagt haben: Jetzt weiß ich, dass es Gott nicht gibt.
Ich war im Himmel, aber ich habe keinen Gott gesehen.

Wir wissen eigentlich alle:
Wer so redet, der hat kindliche Vorstellungen vom Himmel Gottes.
Und doch, es ist unheimlich schwer, sich vorzustellen, wo der Himmel Gottes sein soll.

Wer kann den Himmel Gottes fassen?
Wer kann ihn begreifen?
Aber muss man ihn denn ganz fassen?

Refrain: Herr, Deine Liebe

In einem Kreis von Mitarbeitern haben wir einmal versucht zu sagen, was für uns der Himmel ist.
Eine hat gesagt:
Himmel, das ist für mich das ganz andere.
Und eine andere meinte:
Himmel, das ist für mich ganz weit weg.
Für wieder eine andere ist der Himmel unsichtbar um uns herum.

Eine hat gesagt: Himmel, das ist da, wo Liebe ist.
Und ein Mitarbeiter meinte:
Himmel, das hat für mich etwas zu tun mit Weite.

Ich denke auch, der Himmel Gottes hat etwas mit Liebe und mit Weite zu tun.
Und da bin ich bei einem Satz von Paulus aus seinem Brief an die Gemeinde in Ephesus:
(3,18)

(Ihr) sollt mit allen Heiligen dazu fähig sein, die Länge und Breite, die Höhe und Tiefe zu ermessen.

Diesen Satz von der Breite und der Länge, von der Höhe und der Tiefe verbinde ich mit der Botschaft des Himmelfahrtsfestes.

Dieser Satz meint nicht einen Raum, den man messen und in einer Maßeinheit ausdrücken kann.
Und man kann diese Länge und Breite auch nicht mit einem Zaun abstecken.

Ich höre aus den Worten des Apostels etwas Weites heraus,
etwas Unerschöpfliches, das man sich eigentlich gar nicht vorstellen kann.

Refrain: Herr, Deine Liebe

Ich denke, nach solch einer Weite sehnen sich fast alle Menschen.
Denn wir spüren, dass wir oft an unsere Grenzen stoßen.
Es mag die Grenze unserer Leistung sein.
Und wir spüren: Mehr kann ich nicht mehr schaffen.

Oder es ist die Grenze unserer Liebe, an die wir immer wieder stoßen.
Vielleicht leidet jemand unter der Ungeduld und der Lieblosigkeit, die von ihm ausgeht.
Aber er kann nicht anders.

Da gibt es Schuld in einem Menschenleben.
Und sie macht, dass unser Horizont nicht weiter reicht als unsere eigenen Interessen.
Da wird der Horizont eng.
Und Menschen sehen nur noch sich selber.
Und die ihnen fern sind, die können sie nicht leiden und lehnen sie ab.

Und da ist die Angst.
Auch sie macht unser Leben eng.

Und da ist die Dimension des Todes.
Denn es kommt ein Tag für jeden von uns, da wird das Leben eng und enger.
Und es hört schließlich ganz auf.

Eng ist für uns manchmal das Leben, eng und alles andere als weit.

Hier wie dort fühlen sich viele Menschen eingeengt.
Von ihren finanziellen Möglichkeiten, in ihrer Berufswahl, in der Ehe, in der Wohnung und in unserem Land.
Und von den Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie.
Manche fühlen sich so stark eingeengt, dass sie dagegen auf die Straße zum Demonstrieren gehen.

Viele Menschen leiden unter der Enge ihres Lebens.

Und sie sehnen sich nach weitem und erfülltem Leben.
Sie sehnen sich nach einem Stück Himmel auf Erden.

Refrain: Herr, Deine Liebe
Herr, deine Güte reicht, soweit die Wolken ziehen.
So heißt es in einem Psalmgebet.

Aber vielleicht kann man den Satz auch umdrehen:
Der Himmel ist so weit, wie die Liebe Gottes ist.
Und die ist unendlich groß.

Wenn Paulus von Fülle und von Weite redet, dann meint er den Himmel als Bereich Gottes.
Und an diesem Himmel bekommt ein Mensch Teil durch Glaube und Liebe.
Das zeigen die Worte, in die das Wort von der Weite eingebettet sind:

17 Durch den Glauben wohne Christus in euren Herzen, in der Liebe verwurzelt und auf sie gegründet. 18 So sollt ihr mit allen Heiligen dazu fähig sein, die Länge und Breite, die Höhe und Tiefe zu ermessen 19 und die Liebe Christi zu erkennen, die alle Erkenntnis übersteigt. So werdet ihr erfüllt werden in die ganze Fülle Gottes hinein.

In einem kirchlichen Schaukasten habe ich den Satz entdeckt:
Himmelfahrt beginnt in uns, wo wir den Vater finden.

Ich möchte diesen Satz dahingehend abwandeln, dass ich sage:
Himmelfahrt beginnt, wo wir uns hineinnehmen lassen in die Weite und den Reichtum der Liebe unseres himmlischen Vaters.

Dann ist Himmelfahrt mehr als nur ein Ereignis vor mehr als 2000 Jahren.
Da gewinnt die Himmelfahrt Bedeutung für unser Leben.

Und was ist mit den Erfahrungen von Enge in unserem Leben?
Von unerfüllter Sehnsucht nach Weite?

Die werden wir nicht gänzlich überwinden können in diesem Leben.
Denn die Erde ist noch nicht der Himmel.

Aber Jesus Christus hat alle Enge der Welt letztlich überwunden.
Er ist hineingegangen in die volle Fülle des Lebens und der Liebe.

Oder anders gesagt: Er ist in den Himmel aufgefahren.

Wenn wir uns von seiner Liebe ergreifen lassen.
Wenn wir Gottes Liebe hereinlassen in unser Leben.
Wenn wir unsere Tage von Gottes Liebe erfüllen lassen.
Und unser Denken und Fühlen, unser Reden und Handeln.
Dann, ja dann können wir hier auf Erden schon ein Stück Himmel erfahren.

Einmal werden wir ganz in dieser Liebe sein.
Und sie erleben in ihrer unendlichen Fülle und Weite.

Amen.

Gebet

Gott des Himmels und der Erden,
unsere Sehnsucht bringen wir zu dir:

Wir sehnen uns nach deiner liebevollen Nähe,
und deiner schöpferischen Kraft:
für alle, die nicht mehr weiter wissen,
für alle, die unter Konflikten und Krisen leiden.

Wir sehnen uns nach deinem Geist der Liebe
für alle, die in Beziehungen leben,
für Paare und Familien,
für Eltern und Kinder,
für unsere Gemeinden, unsere Kirche,
den Ort, in dem wir leben, unser Land, die Welt.

Wir sehnen uns nach deinem lebendigen Geist,
du Quelle des Lebens, unser Ursprung und unser Ziel,
für alle, die ihr Leben beginnen, für alle Neugeborenen,
für unsere Kinder, Enkelkinder und Patenkinder
und für alle, die auf dem Heimweg sind zu dir.
Gott, wir sehnen uns nach dem Himmel.
Bitte lass ihn über allen aufgehen
durch deine Liebe, durch Jesus Christus,
dessen offene Arme Himmel und Erde verbinden.
Mit seinen Worten beten wir miteinander: