Das Paradox des Kreuzes

Liebe Gemeinde!
Aus Chile habe ich nach dem Videogottesdienst zum Himmelfahrtsfest eine Anfrage bekommen.
Ja, sogar dort schaut man sich diese Filme an.
Freilich muss ich zugeben:
Es ist vor allem unsere eigene Verwandtschaft, die diese Videos ansieht.

Also, der Onkel von meiner Frau Irene, der hat mir folgendes geschrieben:
... kannst du mir den heutigen Losungsvers auch so erklären:
Wenn ich erhöht werde von der Erde?
Das „so will ich euch zu mir ziehen“ wurde ja schon in tausend Variationen als Wiederkunftsevent interpretiert.
So traf ich in Australiens Outback Hippie-Kommunen, die extra Landeplattformen für ihn [Jesus] bauten, wenn er im Ufo kommt ...“

Soweit die Anfrage von Onkel Christoph aus Chile.
Dazu muss man wissen, dass er viele Jahre in Australien gelebt hat, bevor er zu seiner Schwester Barbara nach Chile gezogen ist.

Dieser angesprochene Bibelvers ist nicht nur der Tagesspruch für Himmelfahrt.
Sondern er ist auch der Wochenspruch für den heutigen Sonntag Exaudi und die neue Woche.
Deshalb möchte ich das Wort von Jesus in den Mittelpunkt meiner heutigen Überlegungen stellen.

Im Johannesevangelium Kapitel 12, Vers 32 sagt also Jesus:
„Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.“

Es ist das Wort „erhöhen“, weshalb dieser Bibelvers dem Festtag Himmelfahrt und dem Sonntag Exaudi zugeordnet worden ist.

Jesus ist erhöht von der Erde zu seinem Vater im Himmel.
Das ist die Aussage vom Himmelfahrtfest.

Und der heutige Sonntag Exaudi markiert sozusagen die Schwelle zum Pfingstfest.
An Pfingsten sendet Jesus bildlich gesprochen seinen Geist aus der Höhe auf die Erde.
Damit ist er überall und für alle da.
Durch Raum und Zeit hindurch.

Jesus ist mit seinem Geist unter uns wirksam.
Und durch die Wirkung seines Geistes zieht Jesus Menschen zu sich, gewinnt sie für die Sache Gottes.
Er will uns nämlich alle zu seinem Vater im Himmel bringen.

Das ist also der Grund, warum das Bibelwort über dem Himmelfahrtsfest und über dem heutigen Sonntag steht.

EG 134 Komm, o komm, du Geist

„Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.“
Nach dem Johannesevangelium hat Jesus diese Aussage allerdings mit Blick auf seinen Tod am Kreuz gemacht.

Das Johannes-Evangelium bezeichnet seltsamerweise die Kreuzigung als Erhöhung.

Das ist ein Stück weit nachvollziehbar.
Denn als Gekreuzigter ist Jesus von der Erde erhöht gewesen.
Wenn auch nur ein paar Meter.

Und trotzdem: Zunächst scheint es widersinnig.
Denn „Erhöhung“ ist ein Begriff, der eigentlich für eine Thronbesteigung verwendet worden ist.
Mit „Erhöhung“ hat man die Verherrlichung und Bestätigung eines Gekrönten gemeint.

Und genau diesen Begriff verwendet Johannes für das Kreuz.

Dabei ist eine Kreuzigung nach menschlichem Verständnis doch eine unglaubliche Erniedrigung.

Ein Graffiti aus dem 1. Jahrhundert zeigt einen Gekreuzigten mit Eselskopf.
Und darunter steht:
„Alexamenos betet seinen Gott an!“
Die Aussage ist klar:
Der Christenglaube ist eine einzige Eselei.
Es ist verrückt, dass irgendjemand einen gekreuzigten Menschen anbetet.
Das ist so, als würde man einen Esel anbeten!

Die Kreuzigung war die Hinrichtungsart für Sklaven, Barbaren, Aufständische und Hochkriminelle.
Und so war das Kreuz das scheinbare Zeichen der Niederlage und des Scheiterns auch von Jesus.
So haben es wohl auch seine Jünger nach Karfreitag gesehen.

Aber dann haben sie an Ostern erlebt:
Die Sache Jesu ist nicht aus.
Jesus lebt.
Er ist nicht im Tod geblieben.

Von dieser Ostererfahrung her haben die Jünger auch das Kreuz neu begriffen.
Durch die Auferstehung von Jesus ist das Kreuz für sie nicht mehr länger ein Zeichen der Niederlage.

Sondern das Kreuz ist für sie ein Zeichen des Sieges geworden.

Mit dem, was wir Himmelfahrt nennen, ist Jesus dann aber ganz in den Bereich Gottes eingegangen.
Damit schien Jesus zunächst einmal nicht mehr erreichbar zu sein.

Doch er hatte seinen Geist verheißen.
Und tatsächlich: An Pfingsten haben die Jüngerinnen und Jünger gespürt:
Jesus wirkt weiter unter uns.
Er kann uns aufrichten und ermuntern.
Er kann uns neuen Mut geben.
Und die Kraft der Liebe.
Und Menschen lassen sich für Jesus begeistern.

Von Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten her verstanden ist das Kreuz geradezu zu einer Brücke in den Himmel geworden.
Jedenfalls für die, die an Jesus glauben.

„Erhöhung“, damit ist also im Johannesevangelium die Kreuzigung gemeint.


Gleichzeitig meint „Erhöhung“ bei Johannes aber auch die Auferweckung und die Erhöhung zur Rechten des Vaters.
Kreuz, Auferstehung und Himmelfahrt all diese Ereignisse fallen für Johannes in eins.
Und der Auferstandene gibt seinen Jüngern den Geist.

EG 134 Komm, o komm, du Geist

„Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.“
Am Kreuz offenbart sich die Liebe Gottes in einzigartiger Weise.
Und diese Liebe gilt allen Menschen, ohne Unterschied.

Alle will Jesus zu sich ziehen.
Und damit will er alle Menschen zum Leben bringen.

Welch ein weiter Horizont.
Alle Menschen sollen zum vollen und erfüllten Leben finden.
Jesus denkt hier viel größer, als wir das oft tun.

Wir schränken ein.
Alle Christen.
Alle, die an Jesus glauben.
Oder: Alle, die ihr Leben Jesus übergeben haben.
Jesus sagt einfach:
Ich will alle zu mir ziehen.

Lassen wir das doch so stehen: Alle!
Und überlassen wir das Jesus, wie das geht.
Zerbrechen wir uns nicht den Kopf darüber:
Was ist mit denen, die keinen Zugang zu Jesus gefunden haben?

Ich will alle zu mir ziehen.

Und lassen wir uns das ganz persönlich gesagt sein:
Ich gehöre auch dazu.
Ich gehöre zu dem, der gekreuzigt und auferstanden ist.

Er zieht mich zu sich.
Er begeistert mich für das Leben.
Er weckt in mir die Liebe.
Habe ich das nicht schon oft in meinem Leben erfahren?

Er ist bei mir, um mich herum und in mir.
Und nichts, aber auch gar nichts kann mich von seiner Liebe trennen.

Ich brauche nicht auf einen Tag X warten, wo Jesus aus den Wolken auf die Erde schwebt.
Ich brauche ihm keine Landebahnen bauen, für den Fall, dass er in einem Ufo wiederkommt.
Ich darf darauf vertrauen, dass er bei mir ist.
Dass ich zu ihm gehöre, komme was wolle.
Und dass ich bei ihm und mit ihm erfülltes Leben habe.

Und ich darf darauf vertrauen, dass ich einmal ganz und unverstellt bei ihm sein werde.
Bei ihm und ganz in Gottes Lebensfülle.
Und mit mir alle.
Amen.

EG 134 Komm, o komm, du Geis

Fürbitte

 

Lasst uns bitten um den Heiligen Geist, durch den alles neu wird:
unser Herz und die Welt.
Wir rufen: Komm, Heiliger Geist.

Es gibt viel Angst in der Welt und viele Menschen,
die keinen Mut mehr haben: Wir bitten um den Geist der Hoffnung.
Wir rufen: Komm, Heiliger Geist.

Es gibt viel Traurigkeit in der Welt und viele Menschen, die weinen: Wir bitten um den Geist der Freude.
Wir rufen: Komm, Heiliger Geist.

Es gibt viel Lüge in der Welt und viele Menschen,
die andere verdächtigen und verleumden:
Wir bitten um den Geist der Wahrheit.
Wir rufen: Komm, Heiliger Geist.

Es gibt viel Hass auf der Welt und viele Menschen,
die miteinander streiten: Wir bitten um den Geist des Friedens.
Wir rufen: Komm, Heiliger Geist.

Es gibt viel Sehnsucht in der Welt und viele Menschen,
die nur an sich denken. Wir bitten um den Geist der Liebe.
Wir rufen: Komm, Heiliger Geist.