Himmlische Mathematik

Liebe Gemeinde!


Im März ist in den Kinos der Film „Die Känguru-Chroniken“ erschienen.
Dabei handelt sich dabei um eine deutsche Filmkomödie.
Eine Kombination aus realem Film und Computeranimation.
Das Ganze ist quasi eine freie Verfilmung der Kult-Bücher von Marc-Uwe Kling.
Um was geht es?

Eines Tages klingelt es an der Tür des Kleinkünstlers Marc-Uwe Kling.
Vor der Tür steht ein Känguru.
Es möchte sich ein paar Eier ausborgen, weil es Eierkuchen machen möchte.
Marc-Uwe ist verblüfft über die Begegnung mit dem sprechenden Tier, leiht ihm aber die Eier.

Kurz darauf klingelt das Känguru erneut.
Es fehlen ihm noch Salz, Milch und Mehl, Öl und auch eine Pfanne.

Dann steht es erneut vor der Tür und sagt: „Kein Herd!“.
Der Kleinkünstler bittet das Känguru in seine Küche, wo es sich die Eierkuchen zubereitet, als sei es seine eigene Küche.

Und dann kommt das Känguru mit einer Schachtel voll Dinge in die Wohnung von Marc-Uwe.
Der fragt: „Entschuldigung, warum stellen Sie Ihre Sachen herein?“
Das Känguru meint: „Wollen wir uns nicht duzen, jetzt wo wir zusammen wohnen?“
Darauf Marc-Uwe: „Eigentlich ist ja das mein Wohnzimmer.“
„Mein - Dein“, sagt das Känguru. „Das sind doch bürgerliche Kategorien“

Fortan bilden der unorganisierte Marc-Uwe und das kommunistische Känguru eine Wohngemeinschaft.

Ich habe über diese Szene kräftig lachen müssen.
Mit meiner Frau habe ich nämlich manchmal auch solche kleinen Unstimmigkeiten über Mein und Dein.
Ich sage immer „Was mein ist, ist doch auch Dein.“
Und dann gehe ich auch davon aus, dass auch ihrs meins ist.
Aber sie ist wenig davon begeistert, wenn ich ihre Sachen einfach so für mich in Beschlag nehme.

Jetzt haben Sie sich sicher gefragt, warum ich Ihnen das erzähle.
Nun: Im heutigen Predigttext wird tatsächlich erzählt, dass es in der Jerusalemer Gemeinde kein Mein und Dein gegeben hat, sondern quasi nur noch Unser.

In der Apostelgeschichte lesen wir:
32 Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. 33 Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen. 34 Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte 35 und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.

Christlichen Kommunismus hat man das genannt, was der Apostel Lukas hier schildert.
Die Kategorien Mein und Dein scheinen da wirklich nicht mehr existiert zu haben.
Alle haben ihr Hab und Gut miteinander geteilt.

Nicht, weil ihnen das jemand verordnet hat, haben sie es getan.
Lukas sagt: Sie waren ein Herz und eine Seele.
„Ein Herz und eine Seele“, das sagt man ja normalerweise von Menschen, die ineinander verliebt sind.
Oder man sagt es von Menschen, die eine ganz innige Beziehung zueinander haben.
Etwa Freundinnen oder Freunde.

Und deshalb hat man diese Lebensform auch christlichen Liebes-Kommunismus genannt.
Im real existierenden Kommunismus wird das Teilen verordnet.
Hier in der urchristlichen Gemeinde ist es aus Liebe zueinander geschehen.

Offenbar sind die Christinnen und Christen durch den Glauben frei geworden.
Frei von der Angst, selber zu kurz zu kommen.
Frei von der Angst, zu wenig zu haben.
Und der Glaube hat sie dazu befreit, freigiebig ihr Hab und Gut zu teilen.
Damit haben sie konkret werden lassen, was das Wort „Nächstenliebe “ meint.

Soweit die Theorie.
Die Praxis sah etwas vielschichtiger aus.

Die Lebensform der Jerusalemer Gemeinde scheint sie ziemlich bald in finanzielle Schwierigkeiten gebracht zu haben.
Paulus jedenfalls hat in seinen Gemeinden für die Jerusalemer Gemeinde intensiv Geld gesammelt.
So wurde die Jerusalemer Gemeinde vor dem Ruin bewahrt.

Und ein weiteres Problem wird im nachfolgenden Text geschildert.
Da wird von Hananias und seiner Frau Saphira erzählt.

Auch dieses Ehepaar hat ein Grundstück verkauft, um die finanziell Notleidenden in der Gemeinde zu unterstützen.
Hananias legte den Aposteln das Geld zu Füßen.
Allerdings hatten er und seine Frau von dem Erlös einen Teil für sich behalten.

Petrus durchschaut die Lüge.
Er war sich sicher, dass Hananias einen Teil zurückbehalten hatte.
Und er hat Hananias zur Rede gestellt.

Er sagt ihm, dass er ja seinen Acker auch behalten hätte können.
Auch nach dem Verkauf hätte er das Geld für sich behalten können.
Das Problem ist die Lüge gewesen.

Und Petrus schließt seine Rüge mit den Worten:
„Du hast nicht Menschen, sondern Gott belogen.“
Als Hananias dies gehört hat, ist er zusammengebrochen und gestorben.

Wenige Stunden später ist Saphira gekommen.
Sie hat nicht gewusst, was geschehen ist.
Petrus hat sie nach dem Erlös des Grundstücks befragt.
Und auch Saphira bestätigt den falschen Preis.
Jetzt fällt auch Saphira tot um.
Darauf ist große Furcht über die ganze Gemeinde gekommen.

Mein ist auch Dein - diese Gütergemeinschaft war offenbar freiwillig.
Keiner war gezwungen, seinen Besitz der Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen.

Und doch haben sich Menschen wie Hananias und Saphira offenbar unter Druck gefühlt.
Vielleicht war es ein Druck, den sie sich selber gemacht haben.
Vielleicht haben sie vor der Gemeinde und vor Gott gut dastehen wollen.
Aber sie sind nicht wirklich hinter der Idee der Gütergemeinschaft gestanden.

Ich will ganz ehrlich sein:
Ich weiß nicht, ob ich für ein Leben wie das der Jerusalemer Urgemeinde geeignet wäre.
Und ich bezweifle eher, dass ich überhaupt so leben will.
In dieser Konsequenz.

Und trotzdem denke ich:
Es wäre toll, wenn man uns Christenmenschen ein bisschen davon abspüren könnte, was das Zusammenleben der ersten Christen in Jerusalem ausgemacht hat.

Etwas von dieser Freiheit vom Besitzdenken.
Etwas von dieser Gemeinschaft.
Etwas von der Liebe, die hier geschildert wird.
Und etwas von der Fürsorge füreinander.

Wenn ich genau nachdenke, dann meine ich aber:
Es ereignet sich ja immer wieder so etwas auch unter uns.
Ich denke zum Beispiel an eine Erfahrung aus der Coronakrise.

In Oberrot haben wir einen Einkaufsservice für ältere Menschen ausgerufen.

Und für Menschen, die sonst einer Risikogruppe angehören.

Die nicht so viel unter die Menschen gehen sollten, um sich nicht anzustecken.

Über 20 Hilfswillige haben sich binnen ganz kurzer Zeit gemeldet.
Diese spontane Hilfsbereitschaft war eine richtig gute und tolle Erfahrung.
Eine Erfahrung, die etwas atmet von dem Geist der urchristlichen Gemeinde.

Der Einkaufsservice ist aber bis zum heutigen Tag gar nicht in Anspruch genommen worden.
Jetzt kann man traurig darüber sein.
Man kann sich vorstellen, dass Menschen sich davor gescheut haben, das Angebot anzunehmen.
Oder man kann es als gutes Zeichen sehen.
Als Zeichen dafür, dass das Netz der Nachbarschaft und Verwandtschaft noch hält.

Und das haben mir viele bestätigt.

Viele haben mir berichtet: „Meine Kinder kaufen für mich ein.“
Und bei anderen waren es Nachbarn oder Bekannte, die die Besorgungen für Ältere erledigt haben.
Oder für Menschen, die in Quarantäne waren.

Da ist etwas von dem aufgeleuchtet, was Lukas im Predigttext beschreibt.
Etwas von der Gemeinschaft.
Und etwas von der Fürsorge füreinander.

Ich denke, es sind letztlich Wirkungen des Heiligen Geistes, wenn so etwas passiert.
Davon bin ich überzeugt.

Bitten wir Gott, dass er uns durch seinen guten Geist noch viel mehr Möglichkeiten entdecken lässt, etwas von dem Miteinander zu leben.
Amen.

Gebet

Herr, ich habe viel mit mir selber zu tun.
Und oft habe ich genug Mühe mit meinem eigenen Leben.
Aber du befreist mich dazu, dass ich an die Menschen um mich denke.
In ihrem Gesicht kann ich deines entdecken.

Herr, ich denke an die Menschen, mit denen ich Schwierigkeiten habe.
Sie sind mir fremd. Sie sind mir unsympathisch.
Sie lassen mich ihre Abneigung spüren.
Hilf mir, dass ich auch ihnen gerecht werde.
Lass uns Wege zueinander finden.
Und hilf, dass wir mehr Verständnis füreinander aufbringen.

Herr, ich denke an die Menschen, die ich mag - in der Nähe und Ferne.
Ich danke dir für alle,
mit denen ich in Liebe und Freundschaft verbunden bin.
Hab Dank für meine Familie, meine Freunde und Nachbarn.
Es tut gut, mit ihnen das Leben zu teilen.
Es tut gut, dass ich mich mit ihnen aussprechen kann.
Es tut gut, wenn wir miteinander fröhlich sind.
Bewahre und beschütze sie.
Halte uns verbunden.
Und lass mich weitergeben, was ich durch sie empfangen habe.

Herr, ich denke an die Menschen,
mit denen ich in der vergangenen Woche zusammen war.
Habe ich Menschen übersehen?
War ich blind für ihre Sorgen und Bedürfnisse?
Habe ich jemandem wehgetan?
Vergib mir, wo ich Liebe schuldig geblieben bin.
Und schenke uns einen Neuanfang.
Amen