Himmlische Mathematik

Liebe Gemeinde!
Der heutige Sonntag trägt den Namen Trinitatis.
Das Wort Trinitatis ist zusammengesetzt aus den lateinischen Worten "Tri" und "unitatis".
Auf Deutsch sind das die Worte „drei“ und „Einheit“.
Trinitatis bedeutet also "Drei in Einheit".

Damit erschließt sich schon das Thema des Sonntags.
Das Fest feiert das Geheimnis der göttlichen Dreieinigkeit:
Gott als Vater, als Sohn und als Heiliger Geist.

Aber wie soll man den dreieinigen Gott denken?
Glauben Christen an drei Götter, wie man ihnen immer wieder vorgeworfen hat?

Ein Theologe sprach vor einer Versammlung von evangelischen und katholischen Pfarrern über den Islam.
Er meinte, was die Moslems am Christentum am meisten irritiere, sei eben diese Dreieinigkeit.
Das Christentum würde sich zwar als monotheistische Religion bezeichnen, also als eine Religion, die einen einzigen Gott verehrt.
Aber immer sei von Dreien die Rede, dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist.
Die Christen, das störe jeden Moslem, schienen also an drei Götter zu glauben.

Plötzlich blickten einander die versammelten Pfarrer mit verlegenem Lächeln an.
"Da haben nicht nur die Moslems Probleme - erklären Sie das einmal einem Konfirmanden", sagte einer laut.
Und die anderen wiegten zustimmend die Häupter.
Wir haben einen Gott.
Das ist ein Grundbekenntnis unseres Glaubens.
Aber wie kann man das mit dem Verstand zusammenbringen: „Drei in einem“?
Kann man das gedanklich begreifen?

Zwischenspiel: 571 (1x)

Im Lauf der Theologiegeschichte hat man sich immer wieder den Kopf über die Dreieinigkeit zerbrochen.
Ist es so, wie die einen gesagt haben?
Gott ist Gott Vater.
Jesus und der Heilige Geist sind nicht Gott auf derselben Stufe.
Jesus ist ein von Gott angenommener Mensch.
Und der Heilige Geist ist die göttliche Kraft, die von ihm ausgeht.
Oder ist es, wie die anderen gemeint haben?
Der eine Gott begegnet uns in drei Erscheinungsformen.
Das wäre dann so ähnlich, wie Wasser in den drei Erscheinungs Dampf, Flüssigkeit und Eis vorliegen kann.
Und so würde uns Gott in den drei Erscheinungsformen Schöpfer, Erlöser und Tröster begegnen.
Keine dieser drei Formen ist der ganze Gott, sondern alle drei zusammen ergeben ihn in der Summe.

Oder ist das Ganze in zeitlicher Reihenfolge zu verstehen?
Erst hat sich der eine Gott den Menschen als der Schöpfer gezeigt.
Dann ist er als der Erlöser in Christus erschienen.
Und nun ist er als Heiliger Geist da.
Wie kompliziert die theologischen Gedanken zur Dreieinigkeit sein können, zeigt das sogenannte Augsburger Bekenntnis.
Darin haben die Reformatoren versucht, ihre Überzeugungen zusammenzufassen.
Sie haben damit auch zeigen wollen, dass sie keine Ketzer sind.

In diesem Bekenntnisschreiben von 1530 lesen wir:
Zuerst wird einträchtig ... gelehrt und festgehalten, dass ein einziges göttliches Wesen sei, das Gott genannt wird und wahrhaftig Gott ist, und dass doch drei Personen in diesem einen göttlichen Wesen sind, alle drei gleich mächtig, gleich ewig: Gott Vater, Gott Sohn, Gott Heiliger Geist.
Alle drei sind ein göttliches Wesen, ewig, unteilbar, unendlich, von unermesslicher Macht, Weisheit und Güte, ein Schöpfer und Erhalter aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge.
Unter dem Wort „Person“ wird nicht ein Teil, nicht eine Eigenschaft an einem anderen Sein verstanden, sondern etwas, was in sich selbst besteht ..., so wie die Kirchenväter in dieser Sache dieses Wort gebraucht haben.
Puh. Ganz schön kompliziert, finden Sie nicht auch?
Zwischenspiel: 571 (1x)

Ich meine:
Unser Denkvermögen reicht nicht hin, um Gott zu fassen.
Wir können ihn mit Gedanken nicht packen. Unsere Worte auch nicht.

Kein Wunder, dass Paulus bloß noch staunend stammeln kann:
O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen?«

Wir müssen von Gott reden, sagte einmal ein Theologe, aber wir können es eigentlich gar nicht.
Denn Gott übersteigt unsere menschliche Vernunft und Vorstellungskraft.

Die menschliche Mathematik und Logik sagt: 1+1+1=3.
Die göttliche Mathematik lautet im Blick auf sein Wesen: 1+1+1=1.
Das stimmt nach logischem Ermessen nicht, aber es stimmt in einer geheimnisvollen Weise bei Gott doch.

Philipp Melanchthon gehört zu den großen reformatorischen Gestalten der Kirchengeschichte.
Er war ein Zeitgenosse von Martin Luther.
Und er ist immer etwas in dessen Schatten gestanden.
Er war weniger polternd als Martin Luther.
Mehr auf Ausgleich bedacht.

Er war übrigens maßgeblich an der Formulierung des Augsburger Bekenntnisses beteiligt.
Aber er konnte den Glauben auch einfacher ausdrücken.
Sinngemäß hat Philipp Melanchthon einmal gesagt:
"Gott erkennen bedeutet, seine Wohltaten erkennen."

Zermartern wir uns also nicht den Kopf, wie Gott in sich und an sich ist.
Lasst uns lieber aufmerksam sein dafür, was er uns Gutes tut.
Lasst uns offen sein dafür, wie er uns immer wieder zu ganz neuen Wegen führt.
Und lasst uns empfänglich sein für seinen Segen.

Zwischenspiel: 571 (1x)

Der Apostel Paulus schreibt der Gemeinde in Korinth am Ende seines zweiten Briefes einen Segenswunsch.
Der lautet:
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!
(2. Kor 13,13)

Wer ist der dreieinige Gott nach diesem Segenswunsch des Paulus?
Gott ist hier derjenige, der für uns da ist.
Er ist bei uns mit seiner Gnade, mit seiner Liebe und mit seiner Gemeinschaft.

Jesus hat uns mit dem, was er für uns getan hat, eine Brücke zu Gott gebaut.
Ohne sein Leben, sein Sterben und seine Auferstehung könnten wir nicht zu Gott kommen.
Jesus hat uns damit die Liebe Gottes erschlossen, der in seinem Himmel nicht allein bleiben wollte.
Sondern Gott hat in Jesus die Nähe zu uns Menschen gesucht.
Und er sucht jeden Einzelnen von uns immer wieder neu.

Im Heiligen Geist als seiner Kraft, Energie und Fantasie bringt Gott uns Menschen mit sich und anderen zusammen.
Es ist der eine Gott, der Gnade, Liebe und Gemeinschaft schenkt.

Die Frage, wer zuständig ist und wie die Aufgabenverteilung sozusagen innergöttlich geregelt ist, kann mir als Mensch eigentlich egal sein.
Dass ich bei Gott ankomme, dass ich von ihm angehört werde, das ist entscheidend.

Dass ich ein Gegenüber habe, ist wichtig. Ganz gleich an wen wir uns wenden:
an Gott, den Vater, an Jesus oder an den Heiligen Geist.
Unser Gebet kommt an.
Vielleicht sollte man nicht so viel über Gott, sondern mit ihm reden.

Vertrauen wir ihm unser Leben an.
Hören wir, was er uns zu sagen hat.
Folgen wir seinen Wegen.
Amen.

Die Predigt verdankt wichtige Anstöße und Formulierungen Pfr. Michael Thein