Predigt für den 22. März 2020: Lebensstürme

Liebe Leserinnen und Leser!
Ich möchte Ihren Blick auf das Chorfenster der Oberroter Bonifatius-Kirche lenken.

 

Geht es uns zur Zeit nicht so wie jenen Bootsinsassen? Mit der Corona-Pandemie rollt etwas Bedrohliches über unsere Gesellschaft und unser Leben - wie eine große Welle.

Die Nachrichten überschlagen sich. Die Zahlen der Erkrankten verdoppeln sich zwischenzeitlich nahezu alle paar Tage. Und vielleicht gibt es bereits Menschen aus Ihrem Bekanntenkreis, die an dem neuen Virus erkrankt sind. Um die Verbreitung einzudämmen, wird eine Anordnung nach der anderen erlassen. Veranstaltungen und Gottesdienste sind nicht mehr möglich. Geschäfte müssen schließen. Und manche berufliche Existenz ist in Gefahr. Eingespielte Gewohnheiten müssen sich verändern. So bresteht Nächstenliebe nun auch darin, Abstand zum Nächsten zu halten und sich nicht mit anderen zu treffen.

Binnen ein, zwei Wochen hat sich unser gesellschaftliches Leben komplett verändert. Man hat manchmal das Gefühl, dass man keinen sicheren Boden mehr unter den Füßen hat. Und man denk: Was kommt da noch alles auf uns zu? Insofern finden wir vielleicht unsere derzeitigen Gefühle wieder in der Darstellung des Oberroter Chorfensters.

Das Gesamtthema des Chorfensters geht auf einen Gedanken von Alfred Kull zurück. Der war von 1951-1964 Pfarrer in Oberrot. Der Schwäbisch Haller Dieter Franck hat dieses Chorfenster dann 1962 geschaffen. Biblischer Bezug ist die Erzählung von der Sturmstillung.

Im Markusevangelium lesen wir:
Und am Abend desselben Tages sprach er zu ihnen: Lasst uns hinüberfahren.
Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm. Und es erhob sich ein großer Windwirbel, und die Wellen schlugen in das Boot, so dass das Boot schon voll wurde. Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?
Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig und verstumme! Und der Wind legte sich, und es entstand eine große Stille. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben? Sie aber fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der? Auch Wind und Meer sind ihm gehorsam!

Markus 4, 35-41

Das Spannende an unserem Oberroter Chorfenster ist für mich, dass Dieter Franck nicht einfach nur die biblische Geschichte illustriert hat. Es ist ihm gar nicht so sehr um ein Ereignis vor 2000 Jahren gegangen. Sondern ihm war wichtig, die Botschaft dieser Geschichte mit unserem Leben zusammenzubringen. Er hat die biblische Geschichte sozusagen existenziell interpretiert.

Das Schiff ist ein uraltes Symbol für die Gemeinde. Aber das Schiff ist auch ein Bild für unser Leben. Man spricht dann vom Lebens-Schiffchen. Das ist sozusagen auf dem Weg durch das weite Meer der Zeit. Diese zeitliche Dimension hat Franck mit Sonne und Mond über dem Schiff angedeutet.

Auf unserer Fahrt durch das Leben gibt es bildlich gesprochen Abschnitte, wo alles wunderbar verläuft. Da gleitet das Lebensschiffchen sanft über die Wasseroberfläche. Alles ist gut! Das Leben gelingt und ist eine Freude. Solche Abschnitte haben wir hoffentlich schon viele auf unserer Lebensreise erfahren dürfen. 

Es gibt aber auch andere Abschnitte auf unserer Fahrt durch das Meer der Zeit. Abschnitte, wo wir in schwere See kommen. Wo die Wogen über uns zusammenschlagen. Wo unser Leben, unsere Gesundheit, unser Glück gefährdet sind.

 

Dieter Franck stellt in seinem Bild die Gefährdung sehr dramatisch dar. Das kleine Boot wirkt wie eine Nussschale, die von den Wellen hin und her geworfen wird. Unten im Bild sieht man ein Ungeheuer mit sieben gekrönten Köpfen. Dieses Drachenwesen ist der Ursprung des Seesturms und der bedrohlichen Wellen. Dieter Franck nimmt damit ein Bild aus dem letzten Buch der Bibel, der Offenbarung auf (Offb 12,3). Drachen sind Urbilder des Bösen und der Bedrohung. Und die Zahl Sieben steht für das Umfassende. Das Leben der Schiffsinsassen ist also umfassend und grundlegend bedroht.

Es sind die Jünger. Sie sind mit Jesus unterwegs in diesem Boot und in diesen fürchterlichen Seesturm geraten. Aufregung und Sorge spricht aus ihren Gesichtern. Einer drückt sich angstvoll an einen anderen Jünger und schließt die Augen. Ein anderer streckt seinen Arm nach Jesus, um ihn wachzurütteln. Dazu lesen wir im Bibeltext: "Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?"

Jesus wacht auf, bedroht den Wind und befiehlt ihm zu verstummen. Und dann legt sich der Sturm und es herrscht Stille. Verwundert fragt Jesus nach dem Glauben der Jünger: „Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?“

Etwas von der Ruhe, die Jesus hier hat, wünschte ich mir auch in der derzeitigen Situation. Und etwas von dem großen Vertrauen, das Jesus hat.

Was würde das bedeuten, solches Vertrauen zu haben? Würde ich dann denken: „Alles halb so schlimm!“ Oder: „Wird schon alles gut werden!“ Oder: „Mir kann nichts passieren, wenn ich an Jesus glaube! Deshalb brauche ich jetzt auch mein Verhalten nicht ändern.“

Nein, ich denke, das wäre eine falsche Auffassung von Glaube und Vertrauen. Das wäre so ähnlich wie bei einem Bekannten, der sich grundsätzlich nicht anschnallt im Auto. Er ist nämlich der Überzeugung, dass er das nicht braucht, weil Gott ihn schützt. Aber ich glaube, wir merken, dass er da etwas falsch verstanden hat.

Wenn man Gott vertraut, dann hat das nicht zur Folge, dass man vor allen Widrigkeiten und Stürmen des Lebens verschont bleibt. Glaube ist keine Schutzimpfung, die einen vor allen Krankheiten und Nöten schützt. Und deshalb ist es aus meiner Sicht gut und richtig, dass zur Zeit all unsere Veranstaltungen und Gottesdienste ausfallen. Aller Voraussicht werden die Gottesdienste bis 15. Juni nicht stattfinden können. Ein Jahr ohne Karfreitag, Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten, das ist hart, finde ich. Genauso die Verordnung, dass Bestattungsfeiern vorerst nur noch unter freiem Himmel stattfinden dürfen. Und dass maximal 10 Personen der Trauerfamilie dabei sein dürfen. Ich finde das wirklich schlimm für die Angehörigen und alle die Freunde, Nachbarn und Bekannten. Aber es muss in dieser Situation sein. Wir müssen alles daran setzen, um einen solchen Anstieg der Erkrankungen zu vermeiden, dass unsere Intensivstationen überfordert sind. Und dass dann entschieden werden muss: Wer bekommt noch ein Beatmungsgerät und wer nicht. Und wir müssen versuchen, Menschen, die Risikogruppen angehören, vor der Ansteckung zu bewahren. Dazu gehören Menschen mit einer Vorerkrankung. Und dazu ist die große Gruppe unserer älteren Mitbürger zu rechnen. Glaube bedeutet also auch, sorgsam umzugehen - mit sich und anderen. Und Nächstenliebe heißt in Corona-Zeiten auch, Kontakt mit vielen Menschen zu meiden und Abstand zu halten.

Aber das ist nicht alles, was zum Glauben zu sagen ist. Man kann man aus dem Vertrauen zu Gott heraus eine Kraft spüren - mitten in den Lebensstürmen. Davon bin ich überzeugt.

Es ist eine Kraft, die uns nicht ganz und gar verzweifeln lässt. Eine Kraft, die uns die Ruhe gibt, besonnen zu handeln, nicht in Panik zu verfallen. Eine Kraft kommt aus dem Glauben, die festen Boden unter die Füße gibt, auch wenn alles ins Wanken gerät.

Und noch etwas ist zu sagen: Immer wieder erleben Menschen auch das, was wir Wunder nennen. Da liegt eine Frau auf der Corona-Station. Die Ärzte machen dem Ehemann keine Hoffnung. Er ist am Boden zerstört, weiß nicht mehr ein noch aus. Da ruft er in seiner Not Angehörige an, Freunde und Bekannte. Und er bittet sie, für seine Frau zu beten. Und dann geschieht es, dass sich in der Nacht der Zustand der Frau bessert. Noch ist sie nicht über dem Berg. Aber es ist ein Hoffnungszeichen. Und einen Tag später ist die Verlegung auf die Corona-Normal-Station in Aussicht.

Es gibt keine Gewähr für solche Erfahrungen. Lebensstürme können auch ganz anders ausgehen. Doch auch dann dürfen wir wissen, dass Gott bei uns ist. Er ist an unserer Seite. Und er lässt uns niemals allein. Nicht einmal im Tod.

Übrigens: Der Künstler Dieter Franck verrät dem Betrachter des Chorfensters nichts über den Ausgang der Geschichte. Einen zarten Hinweis gibt er nur in dem Bild in der Fensterrosette. Da sehen wir ein Stadttor mit Mauern, Zinnen und Türmen. Und aus der Stadt entspringen viel Gewässer. Sie stellen die vier Ströme des Paradieses da. Wir sehen hier das Sinnbild für das neue Jerusalem, sprich die neue Welt, in der alles heil und gut ist.

Vielleicht könnte man auch sagen: Es steht für die ungetrübte Gemeinschaft mit Gott. Für das, was wir Himmel nennen. Diese Dimension, in der man unmittelbar Gemeinschaft mit Gott erleben kann, ist das Ziel, das unser Leben bei der Fahrt durch das Meer der Zeit hat. Aus der himmlischen Stadt ragt das Lamm empor, Symbol des Geopferten und Auferstandenen. Christus ist für uns gestorben und auferstanden, damit wir unmittelbare Gemeinschaft mit Gott haben dürfen.

Die Moderatorin Nina Ruge hat ihre Sendung „Leute heute“ stets mit dem Ausspruch „Alles wird gut“ beendet. Das wurde zu ihrem Markenzeichen. Ich habe mich damals über diesen Slogan aufgeregt. „Es stimmt doch gar nicht, dass im Leben alles gut wird. Blödes Geschwätz“, habe ich gedacht. Wie oft passiert es im Leben, dass es eben nicht gut ausgeht. Das lehrt uns unsere Erfahrung.

Heute denke ich: Im Blick auf das Ziel unseres Lebens bei der Fahrt durch das Mehr der Zeit hat sie doch recht gehabt. Es kann sein, dass es sogar gut wird am Ende eines Lebenssturms. Schon mitten im Leben. Gott sei Dank! Und ganz gewiss wird es gut im Blick auf die letzten Dinge. Das will uns Dieter Franck mit dem kleinen Bilddetail in der Rosette des Chorfensters mit auf den Weg geben.

Bleiben Sie gesund und behütet
Ihr Pfarrer Andreas Balko

Amen.

Fürbitten des Lutherischen Weltbundes zu Corona

O Gott, unser Heiland, zeige Dein Erbarmen für die ganze Menschheitsfamilie, die gerade in Aufruhr ist und beladen mit Krankheit und Angst.
Höre unser Rufen, o Gott:
G: Höre unser Gebet.

Komm uns zur Hilfe nun, da sich der Coronavirus auf der ganzen Erde ausbreitet. Heile die, die krank sind, unterstütze und beschütze ihre Familien, Angehörigen und Freunde vor Ansteckung.
Höre unser Rufen, o Gott:
G: Höre unser Gebet.

Schenk uns deinen Geist der Liebe und Besonnenheit, auf dass wir zusammenwirken, um die Ausbreitung des Virus und seine Wirkungen einzuschränken und zum Erliegen bringen zu können.
Höre unser Rufen, o Gott:
G: Höre unser Gebet.

Mach uns wach, aufmerksam und vorausschauend im Blick auf die Bekämpfung von Krankheiten überall: die Malaria, das Dengue-Fieber, die HIV-Krankheit und die vielen anderen Krankheiten, die bei Menschen Leid verursachen und für etliche tödlich enden.
Höre unser Rufen, o Gott:
G: Höre unser Gebet.

Heile unsere Selbstbezogenheit und unsere Gleichgültigkeit, wo wir uns nur dann sorgen, wenn wir selbst vom Virus oder anderem Leid getroffen sind. Eröffne uns Wege, aus unserer Zaghaftigkeit und Furcht hinaus, wenn unsere Nächsten für uns unsichtbar werden.
Höre unser Rufen, o Gott:
G: Höre unser Gebet.

Stärke und ermutige die, die im Gesundheitswesen, in Praxen und Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und anderen Bereichen der Medizin arbeiten: Pflegende, Fürsorgende, Ärztinnen und Ärzte, Klinikseelsorgerinnen und -seelsorger, Mitarbeitende in Krankenhäuser – alle, die sich der Aufgabe widmen, für Kranke und ihre Familien zu sorgen.
Höre unser Rufen, o Gott:
G: Höre unser Gebet.

Inspiriere die Forschenden, die an Impfstoffen, Medikamenten und der Herstellung medizinischer Ausstattung arbeiten. Gib ihnen Erkenntnisse und Weitblick.
Höre unser Rufen, o Gott:
G: Höre unser Gebet.

Erhalte die Menschen, deren Arbeit und Einkommen durch Schließungen, Quarantänen, geschlossene Grenzen und andere Einschränkungen bedroht sind. Beschütze alle, die reisen müssen.
Höre unser Rufen, o Gott:
G: Höre unser Gebet.

Leite die politisch Verantwortlichen, dass sie die Wahrheit sagen und danach handeln. Halte die Ausbreitung von Falschinformation und Gerüchten zurück. Hilf, dass Gerechtigkeit waltet, sodass allen Menschen auf der Erde Heil und Heilung erfährt.
Höre unser Rufen, o Gott:
G: Höre unser Gebet.

Heile unsere Welt. Heile unsere Körper. Stärke unsere Herzen und Sinne. Und in der Mitte des Aufruhrs gib uns Hoffnung und Frieden.
Höre unser Rufen, o Gott:
G: Höre unser Gebet.

In deinen gnädigen Armen halte alle, die gestorben sind und die in dieser Zeit sterben werden. Tröste ihre Hinterbliebenen, tröste die, die verzweifelt sind.
Höre unser Rufen, o Gott:
G: Höre unser Gebet.

Gedenke deiner Familie, der ganzen Menschheit, und deiner ganzen Schöpfung, in deiner großen Liebe.
G: Amen.