Die Barmerhzigkeit des Herrn - von Ursula Wilhelm - 26.04.2020

Liebe Gemeinde,

als ich den Predigttext für den Sonntag Misericordias domini gelesen hatte, erinnerte ich mich an eine Zeit, wo die Welt noch in Ordnung schien. Mit einem Kollegen saß ich bei einer Tasse Kaffee und wir klagten einander unser Leid mit dem Unterrichten. Und er beschrieb mir, wie es bei ihm in seiner 9. Klasse so zuging:

"Ruhe, bitte, jetzt seid doch mal leise! Markus, gib Anna ihr Buch zurück! Nein, wir können jetzt nicht Kaffee trinken gehen. Emma, hör auf, Timo anzuzicken! Hier wird nicht beleidigt! Und das Fenster bleibt jetzt zu! Setz dich wieder hin Dennis!"

Wenn Lehrkräfte unterrichten wollen, ob in Schule oder Konfirmandenunterricht, so müssen sie in mancher Klasse den Unterricht erst ermöglichen. Und diese Klasse, von der der Kollege erzählte, war wirklich schwierig. Aber die Schülerinnen und Schüler fanden ihr Verhalten völlig normal. Der Kollege erzählte, dass er von einer Kollegin eine gute Idee bekommen hatte. Er sagte ihnen: "Setzt euch so, dass ihr euch gegenseitig ansehen könnt!" Es dauerte 10 Minuten, aber sie taten es.
"Stellt euch vor, es gibt in dieser Klasse, nur drei Gruppen von Menschen: Täter, Opfer und Retter. Entscheidet euch, zu welcher dieser Gruppen ihr gehört, schreibt es groß auf ein Blatt und haltet es verdeckt!" So lautete der Arbeitsauftrag des Kollegen an die Jugendlichen. Sie schrien durcheinander, taten es aber doch. Und nach einer ganzen Weile sagte er: "Jetzt dreht euer Blatt um!" Alle schauten im Kreis herum. Augenblicklich herrschte Stille. "Dann sehen 25 Augenpaare mich an," erzählte der Kollege weiter, "und können das Ergebnis nicht fassen: lauter Opfer." Wochenlang haben sie sich gegenseitig bekriegt, verletzt oder auch nur genervt. Und jetzt denkt jeder und jede: ich bin hier das Opfer. Keiner und keine fühlte sich als Täter. Und schon gar keiner sah sich in der Rolle des Retters.

Nachdem das Erstaunen gewichen war, ging das Geschrei wieder los: "Was, du ein Opfer? Du bist viel schlimmer als ich!" - "Nein, ich bin unschuldig! Ich wehre mich doch bloß!" - " Du wehrst dich nicht, du greifst an. Ich leide unter dir!" Der Kollege sagte mir: "ich hätte der Klasse gerne beigebracht, dass es oft auf den Standpunkt ankommt, den wir einnehmen, ob jemand Opfer oder Täter ist." Er wollte ihnen erklären, dass auch Opfer oder Retter zu Tätern werden können und eine klare Abgrenzung oft nicht möglich sei. Aber das ging wieder im Chaos unter.

Sieht es so bei uns aus? Warum sollte es bei diesen Jugendlichen anders sein als beim Rest der deutschen Bevölkerung. Wer von uns denkt denn nicht einmal: Mir wird übel mitgespielt? Ich leide unter den Politikern. Ich leide unter dem Zustrom so vieler fremder Menschen, ich geh unter dem Joch der globalen Weltentwicklung. Ich bin das Opfer unseres Wirtschaftssystems, ich bin ein Opfer meiner Kollegen und meines Chefs, und das Opfer meines Nachbarn, der schlecht über mich redet. Ja, und nun in dieser Zeit sind wir tatsächlich alle Opfer der globalen Coronapandemie.

Opfer zu sein ist schlimm, ganz ohne Frage. Denn als Opfer bin ich völlig auf die Barmherzigkeit und Großmut anderer angewiesen. Aber manchmal habe ich den Eindruck, es gibt Menschen, die sind gerner als Opfer sehen als andere. Denn als Opfer bekomme in der Regel mehr Aufmerksamkeit, ich werde bedauert oder ich kann zumindest mich selbst bedauern. Ja, mir geht es auch ganz schlecht, höre ich dann. Mir hilft doch auch niemand. Der Blick für das Leid anderer ist dabei vernebelt. Solidarität? Solidarität, Zuwendung und Trost brauche ich da zunächst mal selbst. Als Opfer kann ich ein gutes Gewissen haben. Die anderen sind die Täter. Sie sollen den Karren wieder aus dem Dreck ziehen. Die Wirtschaft ist zum Beispiel das Opfer der Politik, Die Politiker sind die Opfer der Weltwirtschaft, im Moment der globalen Pandemie. Wir alle sind die Opfer einer fehlenden Vorbereitung auf eine mögliche Pandemie. Das Gesundheitssystem ist das Opfer einer jahrzehntelangen Sparpolitik. Und so weiter und so weiter. Und niemand muss tatsächlich etwas tun. Es sind ja die anderen. Viele sagen, die da oben sollen es richten. Sie tragen die Verantwortung. Das ist zwar durchaus richtig, aber es ist auch sehr bequem. "Und die Kirche ist auch nicht viel besser", sagen viele. "Die Kirche müsste doch dies oder jenes besser machen....", höre ich. Aber wir sind doch auch als Kirchenmitglieder selbst Opfer dieser Konsum- und Spaßgesellschaft, wir werden als weltfremd belächelt. Wir sind doch die Opfer einer Gesellschaft, die nur das Diesseits im Blick hat, keine Werte kennt, nur materielle Dinge im Kopf hat. Wir könnten uns auch als unschuldige Opfer sehen und in Deckung gehen. Aber das wollen wir nicht. Ja, das Leid anderer Menschen und der Schöpfung ist unser Thema. Christus hat gelitten, hat das Leid überwunden und ihm göttliche Aufmerksamkeit verschafft. Darum bringen wir das Leid zur Sprache.

Vielleicht aber tun wir das zu sehr? Das ist es ja gerade. Ist das Leid durch das Kreuz Jesu zu etwas Heiligem geworden oder ist es gar bewunderungswürdig? "Schaut mal, wieviel Leid ich aushalten kann!" Dann würden wir ja das Leid pflegen. Wir müssten uns fragen, ob wir, statt den Opfertod Christi recht zu verstehen, dazu beitragen, das jeweilige Leiden zu glorifizieren. Als ob Klagen zum guten Ton gehört. Dabei wollten wir anderen Menschen durch die Ermutigung zum Klagen einen Weg zeigen, mit dem Leid zurechtzukommen. Und nun ist nur noch Klage zu hören. Gewiss, die Mehrheit unserer Gesellschaft erlebt sich in der Opferrolle - und scheint sich darin wohl zu fühlen. Aber wir in der Kirche, gefallen wir uns denn auch in dieser Rolle? Ist das Leid unser Lieblingsthema? Hören wir was der 1. Petrusbrief dazu zu sagen hat:

1. Petrus 2, 21 - 25
Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen; er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt, es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet; der unsere Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heilig geworden. denn ihr ward wie irrenden Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.

Ich müsste schon sehr in das Leid verliebt sein, wenn ich mich bei diesem Text nicht empörte. Dieser Text wurde unter anderem an Sklaven geschrieben. Ende des 1. Jahrhunderts nach Christus war Sklaverei ein gängiger Bestandteil der antiken Gesellschaft. Ohne Sklaven wäre das wirtschaftliche und soziale Leben der Antike nicht vorstellbar gewesen. Heute ist uns das unverständlich. Die leibliche Unfreiheit ist die schwerste Bestrafung, die wir in Deutschland kennen. Unsere Kontaktsperre zur Zeit vermittelt uns nur eine Ahnung davon. Die Sklaven waren mit die Ersten, die sich zu Jesus Christus bekannten. Und ich brauche nicht viel Fantasie, um mir vorzustellen, wie schwierig es für diese Menschen war, ihren Glauben zu leben. Wer Christ war fiel auf, erst recht als Sklave. So waren Schläge, Anfeindungen, böse Unterstellungen oder auch der Tod die Konsequenz ihres Glaubens.

Und nun dies? Warum ruft der Apostel die Unterdrückten nicht zum Widerstand, zur Rebellion auf? Soll man sich denn alles gefallen lassen? Wie sollen wir das Leid zur Sprache bringen, wenn von uns geradezu verlangt wird, uns in das Leid zu fügen?

Wenn Ungerechtigkeit zur Sprache kommt, sind die Rollen schnell verteilt. Die Sklaven, soviel ist klar, sind die Opfer. Deren Unterdrücker, das sind die Täter. Und Christus ist der Retter. Gottes Sohn als Vorbild für die unterdrückten Sklaven scheint mir starker Tobak zu sein. Probieren wir es anders: Der gekreuzigte Christus ist das Opfer, Gott lässt das zu und ist also der Täter; der Apostel, der das Leid sieht ist, könnte er der Retter sein? Es wird immer konfuser, ich kann die Rollen nicht klar zuordnen. Und vielleicht liegt in dieser Verflechtung der Rollen das eigentliche Drama, genau wie bei der Schulklasse, genau wie bei uns heute auch. Natürlich sind die Schülerinnen und Schüler Opfer einer verfehlten Sozial-, Erziehungs-, und Schulpolitik. Aber sie sind nicht nur Opfer. Sie sind auch Täter, wenn sie ihren Frust an Mitschülerinnen und Mitschülern oder Lehrern auslassen. Und was ist mit den Lehrern, die die Noten verteilen? Sie sind Täter, weil sie über die Zukunft der Kindern entscheiden, aber sie sind auch Opfer von überspannten Erwartungen der Eltern und von zu wenig Unterstützung durch Vorgesetzte. Die Rollen bedingen einander und lassen sich schwer voneinander abgrenzen. Nur Täter sein, nur Opfer sein oder Retter sein, das gibt es nicht, auch wenn wir es gerne so hätten. Das wäre Schwarzweißmalerei

Und gerade das macht der Apostel nicht: Schwarzweiß malen. Er geht vor nach dem Muster "Es ist, wie es ist". Es sieht so aus, als ob er aus dem Drama der Rollenverteilung aussteigt. Ganz unsentimental, aber nicht ohne Mitleid. Er sieht das Leid seiner Leute und nimmt es hinein in das Leiden Christi. "Nur wer wie Christus selbst verwundet ist", will der Apostel sagen, "nur der weiß, wie eure Wunden schmerzen." "Christus," sagt der Apostel, "umschließt euer ganzes Leben." Auch euer Leid. Also klagt der Apostel nicht mit den Sklaven, sondern spricht sie als vollwertige Menschen an. Damit gibt er ihnen etwas zurück, nämlich ihre Würde: Er holt sie aus der Rolle des armen Opfers heraus. Er gibt ihnen ein anderes Bild von sich selbst. Das Bild des aufrechten, klaren Christen, den Gott freispricht.

Der Apostel rät den Sklaven nicht zum Aufstand, sondern scheint ihre Lage realistisch zu sehen: Einen Aufstand hätten sie nicht überlebt. Man hätte sie im Falle der Rebellion einfach umgebracht. Keine Chance. In dieser Chancenlosigkeit kommt Christus den Sklaven ganz nahe, sagt der Apostel.

Ich merke, wie dennoch Empörung in mir aufsteigt. Ist das nicht zu billig? Die Sklaven sind ja Opfer von Ungerechtigkeit. Und mit solchen Texten wurde die Sklaverei Jahrhunderte lang aufrechterhalten. Trotzdem ist der Ton, die Nüchternheit des Apostels etwas, das mich nicht loslässt. Er versinkt nicht in Betroffenheit. Dieses "Es-ist-wie-es-ist", das interessiert mich. Hier wird nicht geklagt, wie schlecht doch die Welt ist. Der Apostel begnügt sich nicht mit Rollenzuschreibungen. Auch wenn meine Empörung noch da ist: Ich staune, dass der Apostel so unsentimental bleibt und seinen Leuten trotz Unterdrückung sogar zumutet, Verantwortung zu übernehmen für ihr Leben. Gewiss, die Sklaven bleiben Opfer von Ungerechtigkeit. Aber sie sollen sich nicht einrichten in ihrer Opferrolle. Sie nehmen als Christen eine andere Haltung in ihrer Situation ein: aufrecht, nicht gebeugt. Das ist Osterhoffnung.

Und wir in der Kirche? Nicht das Leid, sondern Karfreitag und Ostern sind unser Thema. Und so müssen wir in Kirche und Gesellschaft genau hinsehen und Ungerechtigkeit als solche benennen. Weinerliche Jammerei sollten wir aber hinter uns lassen, weil sie wirkliches Mitleiden mit Menschen verhindert.

Und da ist noch etwas anderes, das kann man wohl nur leise sagen: dass unser Mitleid mit den Opfern von Ungerechtigkeit unsentimental bleiben soll, klar und nüchtern, damit wir nicht selbst in Betroffenheit und Leid versinken. Wahre Solidarität bleibt realistisch und ist darin unerschrocken. Stark für andere - und für uns selbst -, das sind wir nur, wenn wir ganz ehrlich und nüchtern bleiben. So wie Jesus, der auch nicht den Weg der Rebellion gegangen ist, sondern uns Menschen als die anschaut, die wir sind: erlösungsbedürftige Menschen, die in Schuld und Verantwortung verstrickt sind, auf allen Ebenen unseres Seins. So wie Jesus sollen wir nüchtern und doch den Menschen zugewandt bleiben. Darin kann uns Jesus ein Vorbild sein. Nur so können wir herausfinden, wann es Zeit ist zu schweigen, um zu überleben, und wann wir den Mund aufzumachen haben. Und nur so können wir beurteilen, wann es Zeit ist zu handeln.

Nüchterne Klarheit: Für Markus und Anna, Emma und Dennis und die anderen aus der Schulklasse war dies noch zu früh. Sie wollten alle Opfer bleiben und als solche wollten sie auch behandelt werden. Das dauerte ein ganzes Jahr an. "Und dann", so erzählte mir der Kollege weiter, "dann war Anna die erste, die aus dem Rollengefängnis der Klasse ausgestiegen ist". In diesem Drama will ich nicht gefangen sein, hat sie wohl gedacht. Es gibt im Leben noch mehr für mich als meine Opferrolle in dieser Klasse. Sie wollte kein irrendes Opferschaf mehr sein, sie hat ein Ziel, eine Perspektive gefunden. Sie hat sich in die Schülervertretung wählen lassen. Anna begann Projekte zu leiten und sich für ein Streitschlichterprojekt einzusetzen, auch für ihre Klasse. Andere sind Annas Beispiel gefolgt. Könnte sein, dass Anna einmal eine verantwortungsbewusste Kirchengemeinderatsvorsitzende wird. Aber das hat noch Zeit.

Amen.

 

EG 370, 1.7.11.12 Warum sollt ich mich denn grämen

 

Gott, vor dir besinnen wir uns auf unsere Verantwortung für die Menschen, die um uns sind. 
Wir bedenken, was sie brauchen und erhoffen. Wir schauen uns nach Möglichkeiten um, ihnen zu helfen, für sie dazusein. Wir bitten dich Gott um offenen Augen, um klare Gedanken, um die Fähigkeit zur Hingabe und um Ausdauer in der Liebe: 
Wir rufen zu dir: Erbarme dich.

Wir denken vor dir an die Menschen, die mit sich und ihrem Leben nicht zufrieden sind, an die Enttäuschten und Verbitterten, an die unglückliche Ehepaare und zerstrittenen Familien, an alle, die nicht das nötige Verständnis für ihre Umwelt aufbringen. Wir erbitten für sie von Dir neue Zuversicht und die Bereitschaft zur Versöhnung.
Wir rufen zu dir: Erbarme dich.

Wir denken an die alten Menschen in unserer Mitte, an die Kranken und Pflegebedürftigen, an alle, die nichts mehr leisten können, an die Erfolglosen und Gescheiterten. Wir ermessen, wie leicht sie sich überflüssig fühlen, wie sehr sie auf Worte und Zeichen bleibender Anerkennung warten.
Wir rufen zu dir: Erbarme dich

Wir denken an die jungen Menschen unter uns, an die gesunden und leistungsfähigen, an alle, die sich am Fortschritt freuen, an die Ehrgeizigen, die sich auf Kosten anderer durchsetzen. Wir versuchen uns freizuhalten von Neid, aber auch von der Furcht vor Auseinandersetzungen, vor dem gebotenen Widerstand gegen Unsinn und Rücksichtslosigkeit.
Wir rufen zu dir: Erbarme dich.

Wir denken an die Männer und Frauen, die in besonderer Weise für andere Menschen verantwortlich sind, als Erzieherinnen und Lehrer, als Ärzte und Pflegende, als Vorgesetzte und Regierende, als Richtende und Verurteilende. Wir erkennen ihre Belastung und die Gefahren, denen sie ausgesetzt sind.
Wir rufen zu dir: Erbarme dich

Wir verbinden uns mit allen Christinnen und Christen auf Erden. Wir verbinden uns mit allen Menschen in der Welt, die nach Wahrheit verlangen und für Gerechtigkeit eintreten, auch wenn es ihnen selbst Nachteile einbringt. Wir erbitten für uns und andere dein Erbarmen Gott: Wir berufen uns auf deinen Sohn Jesus Christus, der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden werden wir geheilt.

Vater unser im Himmel....

 

Möge Gottes Segen Sie begleiten 
Ihre Pfarrerin Ursula Wilhelm