Herr wohin sollen wir gehen (Johannes 6, 68) - von Ursula Wilhelm 29.03.2020

Liebe Gemeinde,

"Herr wohin sollen wir gehen?" fragt Petrus in Johannes 6, 68b Jesus.
Herr wohin sollen wir gehen? Petrus spricht aus, was alle Jünger beschäftigt. Er redet nicht von sich sondern von allen. Sie sind an einem Wendepunkt angekommen. Herr, wohin sollen wir gehen? Das ist in diesen Tagen auch die Frage von vielen Menschen hier im Bühlertal.

Herr wohin sollen wir gehen, wenn ich meinen Partner, Ehemann, meine Oma und Tante nicht im Krankenhaus besuchen kann? Herr wohin sollen wir gehen, wenn wir nach der Arbeit im Supermarkt, im Krankenhaus völlig erschöpft nach Hause kommen? Herr wohin sollen wir gehen, wenn niemand da ist, der mir die Aufgaben der Schule erklären kann? Herr wohin sollen wir gehen, wenn wir selbst nicht einkaufen gehen können, weil wir unter Quarantäne stehen? Herr, wohin sollen wir gehen, wenn wir zuhause sitzen und nicht zur Arbeit können, weil unsere Arbeitsstelle geschlossen ist? Herr wohin sollen wir gehen, wenn Forschungsergebnisse auf sich warten lassen? Herr wohin sollen wir gehen, wenn wir nicht wissen, ob unsere Gesellschaft diese Krise überstehen wird? Herr wohin sollen wir gehen, wenn die internationale Solidarität nicht das halten kann, was sie uns verspricht? Ja, wohin sollen wir gehen?

Wenn wir ehrlich sind, wissen wir es nicht. Unsere Erfahrungen sagen uns zu dieser Krise nichts. Die bislang gemachten Katastrophenerfahrungen scheinen uns keine verlässlichen Antworten für diese Katastrophe zu geben. Wir können im Moment die Menschen nicht gegen das Coronavirus impfen, wir haben keine Medikamente, die schwerstkranken Menschen wirklich helfen. Jeder und jede von uns versucht, Sozialkontakte so gut es geht zu meiden. Aber trotzdem wissen wir nicht, ob der Mensch, dem wir gegenüberstehen, uns anstecken kann, obwohl er gesund scheint. Können wir sicher sein, dass wir selbst nicht andere anstecken, weil wir keine Krankheitssymptome entwickeln?

Um mich dieser gespenstischen Situation anzunähern, fällt mir ein Vers aus dem Alten Testament ein. Die Geschichte steht bei Amos: Jemand ist auf der Flucht vor einem Löwen. Es gelingt ihm tatsächlich, zu entkommen. Doch damit ist er noch nicht in Sicherheit: Er begegnet einem Bären. Nun gilt es erneut zu fliehen. Bären sind schnell. Trotzdem gelingt auch diesmal die Flucht. Der Mensch erreicht das Haus. Er lehnt sich erschöpft an die Hauswand. Da beißt ihn eine Schlange. (Amos 5, 19). Letztlich, sagt uns die Geschichte, hatte dieser Mensch keine Chance. Es ist eine düstere Szenerie.

Lange Zeit glaubten wir, das Coronavirus ist eine Angelegenheit der Menschen im fernen China. Aber das Virus macht vor Grenzen nicht halt. Durch die Globalisierung und unser Reiseverhalten bewegen wir Menschen uns überall. Eine Pandemie lässt sich da schlecht begrenzen. Und so versuchen wir täglich, durch Kontaktverbote der Krise Herr zu werden. Viele von uns, die sich gesund fühlen, müssen sich fragen, kann uns das Virus wirklich nicht treffen? Wenn wir Glück haben, mögen wir jetzt vielleicht noch vor den Ausmaßen dieses Unglücks, wie sie die Menschen gerade Italien und Spanien erleben, verschont bleiben. Aber es bleibt die Frage: Wohin sollen wir gehen? Und sie verlangt dringend nach einer Antwort. Herr wohin sollen wir gehen?

Diese Frage stellen auch wir heute, angesichts der Bedrohung durch das Coronavirus. Die Antwort gibt der biblische Text. Petrus beantwortet seine Frage selbst. Er wendet sich wiederum direkt an Jesus und sagt: "Du hast Worte des ewigen Lebens und wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes." Petrus bekennt den Glauben, sein Vertrauen. Zugleich erteilt er seinen eigenen Möglichkeiten eine Absage. Mit unserer Macht ist nichts getan, wird Luther später dichten. (EG 362,2).

In diesen Tagen erfahren wir wieder neu, dass wir Menschen unser Leben nicht selbst in der Hand halten. Wir können nicht jeder Katastrophe ausweichen. Unser Leben ist für uns unverfügbar. Erinnern wir uns an vergangene überstandene Katastrophen: Wieviel Menschen starben anlässlich der Finanzkatastrophe 2008 durch Hunger? Es wurde nie untersucht. Erinnern wir uns an den Tsunami 2004, die Atomkatastrophe 2011 Fukuschima ..... All diese Katastrophen machten uns betroffen und wir hielten einige Zeit inne. Doch vom Nachdenken über diese Katastrophen ist nichts übriggeblieben, außer vielleicht der Eurorettungsschirm. Worauf können wir uns wirklich verlassen?

Petrus und die Jünger bedenken die Not und fragen nach Hilfe. Sie wenden sich an Jesus, vertrauen ganz ihm. Er kann helfen. Jetzt in der Passionszeit denken wir an Jesu Leiden und Sterben. Wir bereiten uns in unserer Erinnerung auf den Tod Jesu vor. Jesus stirbt. Er ist am Ende an jenem Freitag. Er ist verzweifelt und schreit seine Verzweiflung heraus. "Eli, Eli lama asabtani - mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Jesus ist allein. Er ist verlassen, von der Welt und von Gott. Von der Welt verlassen, Ja gut. Aber selbst von Gott?

Nein, Gott hat ihn nicht verlassen. Er erweckt Jesus am Ostermorgen zum neuen Leben. Auf den Karfreitag folgt Ostern. Und doch ist an Ostern nichts mehr wie es vorher war. Nicht "weiter so!", sondern "Neu", wird an Ostern proklamiert, neu für das Leben. Gott greift ein. Das zu glauben, fällt vielen Menschen schwer. Es fällt ihnen nicht nur an Tagen wie den jetzigen schwer. Wir Menschen sind im Moment, da unser Zukunft im kleinen wie im großen so ungewiss geworden ist, mit dem Leid und den Sorgen vor dem Morgen beschäftigt. Das muss nicht so sein. Gott, Jesus hat auch daran gedacht. Bevor Jesus stirbt, spricht er mit seinen Jüngern. Dabei macht er eine weit in die Zukunft weisende Aussage. Er verspricht: "Der Tröster, der heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe." (Johannes 14, 26)

Wir erinnern uns oft nicht. Wir erinnern uns nicht gerne, denn das Erinnern zwingt uns zum Handeln. Wir vergessen schnell. Die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008, die auf Kosten der armen Länder ging und geht, wo sich Menschen nicht einmal mehr die Schüssel Reis kaufen konnten, scheint schon vergessen. Die Naturkatastrophen und die Katastrophen, die wir Menschen selbst zu verantworten haben, erschrecken uns und dann vergessen wie sie und versuchen so unsere Ohnmacht zu verdrängen.

Die lange Zeitspanne zwischen Jesu Tod und Auferstehung und uns heute, rund 2000 Jahre, erleichtert uns das Vergessen. Die Not der Menschen in Italien und in Spanien, unser Erschrecken hier angesichts der Nachrichten, die wir hören, machen uns das Erinnern schwer. Im Gegensatz zu den Menschen, die krank sind oder sie pflegen, können alle anderen den Fernseher ausschalten, die Zeitung zuklappen und uns der Illusion hingeben, das alles nicht so schlimm kommen wird. Hilflos flüchten wir uns in den Alltag. Bloß wo ist unser Alltag hin? Es gibt ihn nicht mehr. Wir sind hilflos.

Dabei hilft uns gerade das Erinnern. Das weiß Gott und beugte sich bereits zu uns vor. Er sendet uns seinen Heiligen Geist. Jesus nennt diesen Geist "den Tröster". Trost brauchen wir im Rückblick auf die Geschehnisse und im Blick nach vorne, auf die Zukunft hin. Der Tröster lehrt uns, worauf es im Leben von Menschen ankommt, was wichtig ist, dass das Leben wichtiger ist als wirtschaftlicher Fortschritt um jeden Preis, Wirtschaftswachstum und Bilanzen. Der Tröster erinnert uns daran, dass jeder Mensch von Gott geliebt und in seinen Armen geborgen ist, ganz gleich welches Schicksal ihm widerfährt. Diesen Trost spendet uns Gott selbst. Er sendet seinen Geist, an dem wir uns festhalten dürfen. Mehr geht nicht. Mehr ist vielleicht auch nicht notwendig, wenn wir uns denn an ihn halten.

Amen.

EG 365, 1 - 3 Von Gott will ich nicht lassen

 

Gebet:
Du Gott der Kraft.
Wir bitten dich für die Menschen, die niedergeschlagen und vom Coronavirus bedroht sind:
Gott, der du über alle Kräfte herrschst, gib von deiner Kraft den Schwachen.
Du, Gott kennst alle Schwachheit deiner Menschen.
Wir bitten dich für die, deren für felsenfest gehaltenes Lebensfundament erschüttert wurde, deren aufgebautes Leben scheitert, deren Hoffnung und Träume verloren gehen, die voller Furcht und Kälte zittern.
Gott, der du alles weißt, umarme sie mit deinen starken Armen.
Du, Gott rufst alle Niedergedrückten zu dir.
Wir bitten dich für alle, die durch das Coroanvirus liebe Menschen verloren haben und der liebsten Menschen beraubt wurden: Weine du zusammen mit ihnen. Und führe sie in ein neues Leben.
Du, Gott nimmst auf dich unsere Last.
Wir bitten dich für alle, die voller Unruhe, Erschütterung und ohne Lebensenergie sind, für alle, die in einer tiefen Verzweiflung versunken sind: Richte sie mit deiner Hand wieder auf.
Lass sie an deiner Seite Schritt für Schritt ihren Weg finden.
Gott, der du in der Wüste Blumen blühen lässt, erneuere diese Welt. Und schenke uns eine neue Einstellung zu unserer Lebensführung.
Du, Gott bist die Liebe und rufst uns zum Lieben.
Wir bitten dich für die Menschen, die sich um die erkrankten Menschen kümmern und unser aller Versorgung mit Wasser, Essen und Strom sicherstellen.
Hilf uns zur Einsicht, dass Solidarität Priorität hat, für alle Menschen auf der Erde und für alle Arbeit, die sie auf sich nehmen, bitten wir dich: Stärke unsere Verbundenheit und segne unser Zusammenleben.
Du, Gott bist die Hoffnung.
Wir bitten dich für alle, die keine Hoffnung finden können: Gott, lass uns, auch wenn wir keine Hoffnung haben, im Glauben deutlich erkennen, dass du unsere Hoffnung bist, und dass alle Menschen sich durch diese Hoffnung verbunden wissen.
Barmherziger Gott, wir vertrauen auf dich. Du allein bist das unerschütterliche Fundament unserer Existenz. Jetzt zeige uns, Vater im Himmel, was unsere Aufgabe ist.
Und gib uns die Kraft und die Liebe, diese Aufgabe anzupacken.
Erhöre unser Gebet.

Vater unser im Himmel .......

Bleiben Sie behütet
Ihre Pfarrerin Ursula Wilhelm