Herzberuhigungsgebet - von Pfarrerin Ursula Wilhelm - 22.03.2020

Von Herzen

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Liebe Gemeinde,

unser Leben ist aus dem Tritt gekommen. Das Coronavirus zeigt uns, dass wir uns auf nichts mehr verlassen können. Wer ist tatsächlich infiziert? Wir wissen es nicht, weil die Tests nicht flächendeckend gemacht werden können. Medikamente, die helfen können, sind noch nicht da. Manche Menschen sind schwer erkrankt und ringen mit dem Leben. Ärzte und Pflegepersonal arbeiten rund um die Uhr. Ältere Menschen bleiben allein mit ihrer Angst, weil sie nicht besucht werden dürfen. Für viele Menschen steht die berufliche Existenz auf dem Spiel. Alles was wir tun, müssen wir abwägen. Und trotzdem bleibt alles vage und in der Schwebe. Das Coronavirus kann überall lauern.

Aber gerade wenn wir aufgewühlt und belastet sind, brauchen wir Möglichkeiten, uns zu beruhigen. Wir wollen uns heute, in der uns aufwühlenden Passionszeit mit einem Herzberuhigungsgebet beschäftigen: Psalm 42 und 43.

Liebe Gemeinde, ein "Herzberuhigungsgebet" - so nennt man einen Psalm wie den 43. Wir wollen ihn gemeinsam beten, auch wenn wir körperlich keinen Kontakt miteinander haben. Dieses "Herzberuhigungsgebet" ist ziemlich lang. Denn eigentlich gehört der Psalm 42 noch dazu. Und da gibt es diese Sätze, die beide Psalmen verbinden:

Was betrübst du dich, meine Seele,
und bist so unruhig in mir?
Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken,
dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.


Wie ein Mantra tauchen diese Sätze immer wieder auf. So können sie das Herz und die Seele beruhigen. Und dazwischen finden wir Worte der Klage und der Hoffnung. Da geht es hin und her. So ist das eben: Manchmal wohnen zwei Seelen in unsrer Brust. Oder auch mehr. Wir werden jetzt dieses "Herzberuhigungsgebet" zusammen beten. Und die verschiedenen Seelen bekommen verschiedene Stimmen.

Psalm 42
Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser,
so schreit meine Seele, Gott, zu dir.
Meine Seele dürstet nach Gott,
nach dem lebendigen Gott.
Wann werde ich dahin kommen,
dass ich Gottes Angesicht schaue?
Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht,
weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott?

Daran will ich denken
und ausschütten mein Herz bei mir selbst:
wie ich einherzog in großer Schar,
mit ihnen zu wallen zum Hause Gottes
mit Frohlocken und Danken
in der Schar derer, die da feiern.

Was betrübst du dich, meine Seele,
und bist so unruhig in mir?
Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken,
dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.
Mein Gott, betrübt ist meine Seele in mir,
darum gedenke ich an dich
aus dem Land am Jordan und Hermon, vom Berge Misar.

Deine Fluten rauschen daher, und eine Tiefe ruft die andere;
alle deine Wasserwogen und Wellen gehen über mich.

Am Tage sendet der Herr seine Güte,
und des Nachts singe ich ihm und
bete zu dem Gott meines Lebens.

Ich sage zu Gott, meinem Fels:
warum hast du mich vergessen?
Warum muss ich so traurig gehen,
wenn mein Feind mich dränget?
Es ist wie Mord in meinen Gebeinen,
wenn mich meine Feinde schmähen
und täglich zu mir sagen: Wo ist nun dein Gott?

Was betrübst du dich, meine Seele,
und bist so unruhig in mir?
Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken,
dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

Psalm 43
Gott, schaffe mir Recht
und führe meine Sache wider das unheilige Volk
und errette mich von den falschen und bösen Leuten!
Denn du bist der Gott meiner Stärke:

Warum hast du mich verstoßen?
Warum muss ich so traurig gehen,
wenn mein Feind mich dränget?

Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten
und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung,
dass ich hineingehe zum Altar Gottes,
zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist,
und dir, Gott, auf der Harfe danke, mein Gott.

Was betrübst du dich, meine Seele,
und bist so unruhig in mir?
Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken,
dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.
Amen


Liebe Gemeinde! Wann haben Sie das letzte Mal mit Ihrer Seele gesprochen? So ein Gespräch unter Freunden? Von Mann zu Mann. Von Frau zu Frau. Wenn Sie sich in diesen Tagen zurückgezogen und Ihre sozialen Kontakte einschränkt haben, dann haben Sie dazu Zeit und Raum. Wenn unser Herz einen Tick zu schnell pocht, wenn unsere Kehle wie zugeschnürt ist, wenn unsere Beine unruhig werden und die Hände fahrig, wenn wir gleichzeitig unter Strom stehen und doch ohne Antrieb sind, dann ist es gut, wenn wir uns selbst mal von außen betrachten und zu unserer Seele sprechen: "Was ist mit dir?" "Warum bist du traurig?" "Vor was hast du Angst?" "Wo ist dein Mut?"

Der Psalmbeter macht das. Und das sind keine billigen Muntermachersprüche wie: "Was stellst du dich so an, ist doch alles halb so wild." Doch, es ist wild und sehr ernst! Dieser Beter nimmt seine Seele ernst! Wie liebevoll er mit sich selbst spricht! Wann haben Sie das letzte Mal liebevoll mit sich selbst gesprochen? So von Mann zu Mann, von Frau zu Frau.

Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist. Ein "Herzberuhigungsgebet" und ein "Herzentlastungsgebet". Nicht nur mit seiner Seele spricht der Beter, auch mit Gott spricht er: wild, klagend, schreiend: Warum hast du mich verstoßen? Und gleich zweimal: Warum muss ich so traurig gehen? Wann haben Sie das letzte Mal so wild mit Gott gesprochen? Oder sogar geschrien?

Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir. Warum hast du mich vergessen? Ähnlich hat Jesus geschrien, am Kreuz: "Mein Gott, mein Gott! Warum hast du mich verlassen?" Das ist der Unterschied zwischen Jammern und Klagen. Wenn Sie Ihren Schmerz nicht für sich behalten. Wenn Sie ihn abladen, rausklagen, rausschreien dahin, wo er hingehört: zu Gott. Warum hast du mich vergessen? Warum muss ich so traurig gehen? Wild und zornig. Ich spreche zu Gott so in dieser Zeit. "Warum lässt du zu, dass sich dieses Virus so schnell ausbreitet?" "Warum lässt du zu, dass Menschen sich zu Hamsterkäufen hinreißen lassen?" "Warum lässt du so viele Menschen sterben?" Und: "Warum gibt es noch Menschen, die noch nicht verstanden haben, warum wir uns selbst einschränken sollen?"

Deine Fluten rauschen daher, und eine Tiefe ruft die andere; alle deine Wasserwogen und Wellen gehen über mich. Wir fühlen uns hilf- und orientierungslos. So schnell ist das Coronavirus in unsere Gesellschaft eingebrochen: Geschlossene Geschäfte, volle Intensivstationen, die einem Hochsicherheitstrakt gleichen, überarbeite Ärzte und Menschen, die zum Nichtstun verdammt sind, weil ihre Unternehmen nicht mehr arbeiten. Wir werden von dem Gefühl überflutet: Warum hast du, Gott deine Menschen vergessen? Es ist wie Mord in meinen Gebeinen, wenn mich meine Feinde schmähen und täglich zu mir sagen: Wo ist nun dein Gott? "Wo bist du nun mein Gott?" Das frage ich mich, wenn ich an den Krieg in Syrien und an die überfüllten Flüchtlingslager denke, wo Menschen nicht mehr wissen, wo sie hin sollen. Und wir wissen es inzwischen auch nicht mehr, denn wo ist der Ort ohne Coronaviren? Ja, wo bist du, Gott?

Ein "Herzberuhigungsgebet", ein "Herzentlastungsgebet" brauchen wir, die wir verzweifeln über die Coronabedrohung, Kriege und humanitäre Katastrophen. Wenn wir verzweifeln über Anfeindungen von außen und innen, wenn wir von Selbstzweifeln und Depressionen geplagt sind, wenn wir das Gefühl haben, die wichtigen Dinge werden hintenangestellt, dann sprechen wir mit unsere Seele, liebevoll und fürsorglich. Dann sprechen wir mit Gott, wild und zornig. Und wir erinnern uns! Der Psalmbeter macht es vor: Daran will ich denken und ausschütten mein Herz bei mir selbst: wie ich einherzog in großer Schar, mit ihnen zu wallen zum Hause Gottes mit Frohlocken und Danken in der Schar derer, die da feiern.

Neuere Hirnforschung und Traumatherapie erklären uns, was die Psalmbeter schon vor zweieinhalbtausend Jahren wussten: Die Imagination positiver Bilder, die gedankliche Vorstellung von guten Erinnerungen beruhigen uns. Erinnere dich, wie das war: Wie du im Gras gesessen hast und Blumenkränze geflochten. Wie du Eierpfannkuchen mit Heidelbeeren gegessen hast und du über deine blauen Zähne gelacht hast. Wie ein Kind dir mit strahlendem Gesicht einen Kuchen aus Sand schenkte. Wie du in einem Konzert gesessen bist und glaubtest, die Engel singen zu hören. Schon das Denken an gute Erfahrungen wirkt auf das Gehirn, auf das emotionale Gedächtnis. Und das schüttet Glücks- und Beruhigungshormone ins Blut und in die Seele. Bilder helfen uns, neue Verschaltungen im Gehirn zu bilden. Bis ins hohe Alter! Wir können traumatische Erfahrungen und Stress verarbeiten: Durch Wiederholungen positiver Bilder. Einmal reicht da nicht. Und meistens braucht es noch einen liebevollen Menschen, der uns erinnern hilft, oder eben einen Psalm wie diesen. Traumatherapie macht sich das zunutze. Seelisch verletzte Menschen werden aufgefordert, zwischen positiven und belastenden Erinnerungen hin- und herzupendeln. Die belastenden Erinnerungen werden mit Worten oder Weinen, Schreien oder unruhigem Zittern ausgedrückt. Und die positiven helfen, Herz und Seele zu beruhigen. Genau das macht der Psalmbeter. Er pendelt hin und her: zwischen Klage und Erinnerungen an Gutes, zwischen wildem Schreien zu Gott und der Hoffnung, ja mehr noch, der Gewissheit: Gott wird mir helfen. Hin und her und immer wieder. Er stellt sich der Angst und der Verzweiflung. Aber er erinnert sich auch daran, dass er damit nicht allein ist. Ja, dass er es schon mal erlebt hat, wie es sich anfühlte, glücklich zu sein. Und da kommen die Bilder in ihm hoch: Wie er sich Jerusalem nähert, mit vielen anderen Menschen. Wie er den Tempel sieht, hoch auf dem Berg. Was für ein Anblick! Und was das für ein Gefühl war: Helle Begeisterung. Und das Gute, das er mit Gott erlebt hat. Ja, das gibt's doch auch! Am Ende des Psalms überwiegen Zuversicht und Hoffnung. Ein "Herzberuhigungsgebet" - gut für Leib und Seele.

Wann haben Sie sich das letzte Mal so etwas Gutes getan? Diese Frage kann ich diesmal stellvertretend für Sie beantworten: gerade, als wir zusammen diesen Psalm gesprochen und meditiert haben. Wiederholung lohnt sich! Besonders in bedrängenden und belastenden Zeiten! Und das können Sie auch mit Ihrem Nachbarn über das Telefon und mit Ihren Enkeln via Skype machen. Beten Sie gemeinsam dieses Herzberuhigungsgebet, heute und morgen und alle Tage Ihres Lebens.

Amen.


Gebet:
Ich suche dich jetzt, Gott.
Ich brauche deine Nähe.
Sei du mein Halt!
Warum muss ich traurig gehen,
warum hast mich in Kummer gestoßen?
Sende mir Licht in die Dunkelheit und ein Wort,
an das ich mich halten kann.
Sende dein Licht und deine Wahrheit,
dass sie mich leiten und mich dir näher bringen,
dorthin, wo das Leben ist, zu dir Gott,
meine Freude, du Trost meiner Seele, du Quelle des Dankes.
Meine Seele ist betrübt, und unruhig in mir,
aber ich warte auf dich, Gott, auf deine Hilfe und Nähe.
Vater unser im Himmel.....

Bleiben Sie behütet,
Ihre Pfarrerin Ursula Wilhelm