Passionsandacht (2. Mose 12, 1 - 14) - von Ursula Wilhelm - 09.04.2020

Ostergebäck

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Liebe Gemeinde, 

ich weiß nicht, wie es Ihnen im Moment der Coronakrise geht. Ist das Essen für Sie zur Zeit Nebensache, weil Sie andere Sorgen haben? Oder ist das Essen zur Zeit für Sie ganz besonders wichtig, weil es ja sonst nur wenig gibt, mit dem wir uns aktuell ablenken könnten? 

Ich erinnere mich in diesen Tagen an ein Ereignis vor vielen Jahren: "Mögen Sie Lamm?" fragte mich der Kellner in einem italienischen Restaurant, als er die Speisekarte brachte. "Nein danke" höre ich mich antworten, "nein danke. Heute möchte ich nur etwas Grünes. Haben Sie Spinatpizza?" 

Liebe Gemeinde,

ich möchte offen zu Ihnen sein und zwar gleich in dreifacher Hinsicht. Die erste Ehrlichkeit lautet: Diese Geschichte hat sich wirklich zugetragen, vor vielen Jahren in meiner ersten Gemeinde, wo wir zwei Pfarrer waren und ich an Gründonnerstag frei hatte. Mitten in der Fastenzeit, am Abend hatte ich mich wahrhaftig mit Freunden zum Essen verabredet und mir Mut zugesprochen, dass Jesus ja auch an einem Gründonnerstag mit seinen Freunden gefeiert hatte. Warum dann nicht auch ich? Die zweite Ehrlichkeit lautet: ich mag gar kein Lamm. Kalb und Spanferkel esse ich übrigens auch nicht. Bekomme ich nicht hinunter, denn: es sind Babytiere! Das ist die Antwort. Lebewesen, die praktisch gerade erst zur Welt gekommen sind. Sie haben noch nicht viel erlebt und werden schon gegessen. Oder besser vergessen. Das kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Ich war einmal bei einer Taufgesellschaft, da konnte ich am Mittagstisch nichts anrühren, es gab nämlich Zürcher Geschnetzeltes. Aus Kalb, genau! Und als mich der Großvater des frisch getauften Kindes aufforderte, doch zuzugreifen, habe ich ihm dummerweise zu spontan geantwortet: "Komisch, wenn Menschenkinder zur Welt kommen, werden sie getauft und wenn Tiere zur Welt kommen, werden sie gekocht..." Und die dritte Ehrlichkeit: ich kann Gründonnerstag keine andere Farbe auf dem Teller haben. Das wiederum hängt mit einem Brauch aus der Frankfurter Gegend zusammen. Dort kommt an Gründonnerstag eine grüne Soße auf den Tisch. Vor vielen Jahren wollte ich diesen Brauch in einer Gemeinde beim Tischabendmahl an Gründonnerstag einführen und bin dann leider gescheitert. Aus Quark und Jogurt, mit sieben verschiedenen Kräutern und einigen zerhackten Eiern wird sie gegessen. Die "Bitterkräuter" sind auch Anklänge an die Bitterkräuter des jüdischen Pessachfestes und das zerstoßene Ei weist schon auf die Auferstehung an Ostern hin. Aber eigentlich ist das Grüne an Gründonnerstag nicht eine Farbe gewesen, sondern eine Gefühlsbeschreibung, weil grienen oder greinen nämlich weinen heißt.

"Mögen Sie Lamm?" Kurz nach der Kellnerfrage kam auch noch der Koch an den Tisch und wollte uns allen ernstes versichern, dass man Gründonnerstag Lamm essen müsse! Erstens als Christ und zweitens aus Tradition. Womit wir dann bei unserem Predigttext für den diesjährigen Gründonnerstag angekommen sind:

2. Mose 12, 1 - 14 
Der HERR aber sprach zu Mose und Aaron in Ägyptenland: Dieser Monat soll bei euch der erste Monat sein, und von ihm an sollt ihr die Monate des Jahres zählen.
Sagt der ganzen Gemeinde Israel: Am zehnten Tage dieses Monats nehme jeder Hausvater ein Lamm, je ein Lamm für ein Haus. Wenn aber in einem Hause für ein Lamm zu wenige sind, so nehme er's mit seinem Nachbarn, der seinem Hause am nächsten wohnt, bis es so viele sind, dass sie das Lamm aufessen können.
Ihr sollt aber ein solches Lamm nehmen, an dem kein Fehler ist, ein männliches Tier, ein Jahr alt. Von den Schafen und Ziegen sollt ihr's nehmen und sollt es verwahren bis zum vierzehnten Tag des Monats. Da soll es die ganze Gemeinde Israel schlachten gegen Abend. Und sie sollen von seinem Blut nehmen und beide Pfosten an der Tür und die obere Schwelle damit bestreichen an den Häusern, in denen sie's essen, und sollen das Fleisch essen in derselben Nacht, am Feuer gebraten, und ungesäuertes Brot dazu, und sollen es mit bitteren Kräutern essen.
Ihr sollt es weder roh essen noch mit Wasser gekocht, sondern am Feuer gebraten mit Kopf, Schenkeln und inneren Teilen. Und ihr sollt nichts davon übriglassen bis zum Morgen; wenn aber etwas übrigbleibt bis zum Morgen, sollt ihr's mit Feuer verbrennen
So sollt ihr's aber essen: Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und eure Schuhe an euren Füßen haben und den Stab in der Hand und sollt es in Eile essen; es ist des HERRN Passa.
Denn ich will in derselben Nacht durch Ägyptenland gehen und alle Erstgeburt schlagen in Ägyptenland unter Mensch und Vieh und will Strafgericht halten über alle Götter der Ägypter, ich, der HERR. Dann aber soll das Blut euer Zeichen sein an den Häusern, in denen ihr seid: Wo ich das Blut sehe, will ich an euch vorübergehen, und die Plage soll euch nicht widerfahren, die das Verderben bringt, wenn ich Ägyptenland schlage. Ihr sollt diesen Tag als Gedenktag haben und sollt ihn feiern als ein Fest für den HERRN, ihr und alle eure Nachkommen, als ewige Ordnung.


Liebe Gemeinde

Sie erinnern sich noch oder? Wir hatten innegehalten, als die italienische Lammkeule mit der christlichen Tradition verknüpft und ihr Verzehr beinahe theologisch begründet werden sollte. Von einem Koch. Sollte er etwa jene jahrtausende alte Erzählung im Hinterkopf gehabt haben? Wir können es nicht wissen. Aber schauen wir selbst auf diese Geschichte. Worum geht es eigentlich? Nun, es geht um Israel. Oder um das, was später einmal daraus hervorgehen sollte, aus dieser Gemeinde von Fronarbeitern und Sklaven, die den Ägyptern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert  und zum Arbeitsdienst abgestellt waren. Und diese Gemeinde, so sagt die Erzählung, hat den Ruf von Gott erhalten. Er hat sich dieses kleine Völklein ausgesucht, um an ihm der ganzen Welt seine Macht zu zeigen: Diese Menschen wollte er heraus aus Ägypten führen. Diese Menschen wollte Gott durch Wind und Wetter, durch Wüstensand und Katastrophe in ein Land bringen, in dem Milch und Honig fließt. Dieses Völklein wollte Gott groß und mächtig machen. Damit alle wissen: "ich bin Jahwe, Adonay, der einzig wahre Gott." Diese Gemeinde "JisraEl" mache ich zum Volk Israel, damit alle erkennen, dass ich der Herr über die Geschichte bin.

Darum also ging es. Aber die Ägypter zogen nicht mit. Bildlich gesprochen. Der Pharao, davon erzählt die Vorgeschichte unseres Predigttextes, stellte sich richtig schön quer. Er ließ seine Arbeitssklaven nicht einfach gehen. Keine Chance für Mose und Aaron, auch mit Gottes Hilfe und einer Reihe gescheiter Argumente war da nichts zu machen. Bis die Plagen kamen. Eine nach der anderen. Einerseits waren diese Plagen allesamt der Hitze und der Trockenheit geschuldet, den klimatischen, hygienischen und militärischen Rahmenbedingungen. Zumindest lassen sich so die blutigen Gewässer voller toter Tiere, die Froschepidemien, die Steckmücken und Stechfliegen, die Folgeerkrankungen wie Viehpest und Blattern leidlich gut verständlich machen. Auch Hagel und Sonnenfinsternis müssen nicht zwingend als Wunder erklärt werden. Aber alles zusammen? Na, wer weiß, vieles davon ist auch sicher nur einfach gut erzählt. Wie viel? Das wissen wir nicht. Das ist auch eigentlich nicht von Bedeutung. Denn die Pointe unserer Geschichte geht in eine andere Richtung.: "Nehmt ein Lamm", spricht Gott zu Mose und Aaron. "Nehmt ein Lamm." sprechen Mose und Aaron zu ihren Leuten. "Sie sollen es schlachten", spricht Gott. "Ihr sollt es schlachten," sagen Mose und Aaron zum Volk. "Sie sollen mit dem Blut die Tür bestreichen, sich zum Gehen fertig machen und warten, was da kommt.", sagt Gott.

"Nehmt das Blut, bestreicht die Wände. Umgürtet eure Lenden. Seid bereit für einen übereilten Aufbruch," sagen Mose und Aaron der Gemeinde. "Wenn der Todesengel kommt, wird er an ihren Türen vorüberziehen," erklärt der Herr. "Ihr werdet von der nächsten Plage verschont. Ihr werdet nicht von der Hand des Todes gepackt, von der Hand des schwarzen Engels gewürgt, sondern von der Hand des Höchsten befreit!", verkündigen die Brüder den Israeliten.

"Denk daran, dass ich bei euch bin. Denkt einfach genau an diesen Tag, dann wisst ihr was ich meine," ruft Gott. "Machen wir," versprachen Mose und Aaron, und mit ihnen alle, die bereit waren für das Abenteuer ihres Lebens, in die Freiheit, in die Zukunft, in die Herrlichkeit Gottes zu fliehen.

Ihre Kinder starben nicht, als das Kindersterben begann. Die Ägypter, so heißt es, hatten alle Hände voll zu tun, das alles zu begreifen, sich einen Reim darauf zu machen. Die Israeliten, sie hatten ihren Reim schon gefunden. Als der Pharao ihnen letztlich nichts mehr entgegensetzen konnte, gingen sie und sangen Lieder auf das Leben: Der Herr hat großes an uns getan.... Das werden wir feiern, Jahr für Jahr am Passa/Pessachfest.

Der Herr hat großes an mir getan. An euch übrigens auch. Er ist unser Vater, er kennt uns. Sorgt daher nicht, was der morgige Tag bringt, sondern bringt mal das Essen rein. Und zwar unter anderem das Lamm.... Jesus hat in dieser Tradition gelebt. Für ihn gab es nichts anders: Der Gott der Väter, der Gott des Volkes Israel, der unser Leben liebt und uns, der uns erwählt hat, um an uns etwas anschaulich werden zu lassen, er hat vor Zeiten unser Blut in uns gelassen. Wir leben noch. Halleluja! Bringt das Lamm rein!

Jesus feiert das Mahl des Herrn. Die uralte Feier, bei der ein Lamm geschlachtet wird, um mit dem Blut dieses Lammes Gott an die alte Geschichte von einst zu erinnern: "Du wolltest uns verschonen, weißt du noch? Damals sollten wir das Lamm als Zeichen nehmen..." Denn wer das Blut des Lammes vergießt, stirbt nicht selber. Noch nicht. Da sei Gott vor.

Eine nicht ganz so harmlose Angelegenheit, im Übrigen. Denn um unsere biblische Erzählung herum drapiert sind so allerlei Zusatzinformationen, die uns dann doch die Nackenhaare aufrichten. Wenn ich persönlich mir etwa jetzt das furchtbare Geschrei der Sterbenden ausmale, die kein Lammblut an den Türrahmen gestrichen hatten, oder diese Opferpraxis, die in der Folgezeit mit unserer Erzählung verbunden wurde... Was lesen wir im nächsten Kapitel der Bibel? Zum dankbaren Ausgleich musste Gott alles Männliche geopfert werden, was "zuerst den Mutterschoß durchbricht", Kinder ausgenommen, die man auslösen durfte, gegen ein anderes Tier. Essen wir deshalb bei der Kindstaufe Kalbfleisch?

"Bringt das Lamm rein", hat Jesus das wohl gesagt? Das wissen wir nicht. Wohl einen Braten hat es gegeben und die bitteren Kräuter, das Brot, das Ei, das Wasser, den Wein. Alles, was man braucht für diesen Tag. Der noch eine schreckliche Wende nahm. Noch in derselben Nacht wurde Jesus abgeführt. Keine 24 Stunden später war er tot.

Ich höre zwei Jünger zu, wie sie sich unterhalten:

A: Was hat er gesagt zu dir? Du bist ihm doch gegenüber gesessen bei dem letzten Mahl.
B: Dass er das Mahl feiern wollte, wie es sich gehört. Mehr habe ich da nicht mitbekommen. Und du?
A: Der Wein könne ein Neuer Bund sein. Weinvergießen statt Blutvergießen. Wenn sein Blut vergossen ist, dann sollen wir nur noch Wein vergießen. Aber dabei nicht vergessen, dass sein Blut geflossen ist für uns.
B: Das hat er gesagt?
A: Ich meine schon. Und dass das Brot, ein zäher Laib sei, wie es sich gehört!
B: Ein Laib? Oder meinte er vielleicht einen Leib?
A: Ach, ich weiß es nicht. Ja, doch sein Leib wird zerbrochen wie dieser Brotlaib. Jeder von uns soll dadurch Anteil an ihm bekommen. Ach das ist alles so furchtbar. Ich bin einfach nur traurig. Mir ist so zum Grienen....
B: Grienen?
A: Das sagt man so bei uns. Weinen, heulen, grienen halt.
B: Ach so?...


Liebe Gemeinde,

die Anhänger Jesu mussten es sich begreifbar machen, was sie nicht begreifen konnten und auch wir heute nur schwer annehmen können. Erst hatte Jesus das Lamm gefeiert als Zeichen des Lebens, damals in der Nacht des Auszugs aus Ägypten, als Erinnerung an den vorbeiziehenden Racheengel des Todes, als Vergegenwärtigung der Zusage Gottes. Und nun? Nun war er tot. Als sei er nun das Lamm geworden. Später hat man das in dieses Richtung gedeutet. Mir leuchtet das ein: Christus, du Lamm Gottes, dessen Blut wir über unsere Türrahmen streichen, damit wir nicht sterben. Nicht heute Nacht. So vielleicht?

Oder: Christus, du Lamm Gottes, der du nicht ertragen konntest, dass wir bei jeder neuen Geburt eines Menschen ein Tier als Opfergabe schlachten, denn es bringt uns nichts, wenn wir immer andere für uns opfern?

Oder: Christus, du auferstandenes Lamm, der du uns nun Zeichen bist, dass wir alle leben werden und herausgeführt in die herrliche Freiheit der Kinder Gottes. Wie einst die Israeliten?

Das will ich glauben. Aber Lamm werde ich dennoch nicht essen wollen. Nicht einmal an Ostern. Oder besser: Da erst recht nicht. Höchstens aus Bisquit.

Amen.

EG 652 , 1 - 6 We shall overcome

 

Christus, heute sitzen wir mit dir an einem Tisch. 
Selbst in dieser Nacht, da du dem Tod ins Auge blicken musst, bist du es, der allen anderen Kraft zum Durchhalten gibt.
Wir danken, dass du uns durch deine Nähe gestärkt hast und bitten dich:
Verleihe uns, dass die Ohren, die dein Wort gehört haben, versöhnend umgehen können mit der Stimme des Unfriedens;
dass die Augen, die deine große Liebe gesehen haben, die Seligkeit schauen, die du verheißen hast;
dass die Zungen, die dein Lob gesungen haben, die Wahrheit bezeugen;
dass die Hände, die deine Gaben empfangen haben, Gutes tun zu deiner Ehre;
dass die Füße, die immer wieder in dein Haus kommen, nicht abirren von den Wegen des Lichts;
dass die Leiber, die Anteil bekommen haben an deinem lebendigen Leib in einem Leben wandeln. Dir zur Ehre in Ewigkeit.

Gemeinsam beten wir:
Vater unser im Himmel........

Amen.

Ich- wünsche Ihnen einen gesegnete Zeit
Ihre Pfarrerin Ursula Willhelm