Versöhnung (2. Korinther 5, 19 - 21) - von Ursula Wilhelm - 10.04.2020

Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

 

Liebe Gemeinde,

So bitten wir nun an Christi statt: lasst euch versöhnen mit Gott! Haben wir das nötig? Wir haben uns doch nichts vorzuwerfen. Natürlich wollen wir versöhnt leben, aber wollen wir das durch Christus? Wollen wir dieses blutige Opfer am Kreuz? Wollen wir, dass ein anderer uns versöhnt? Wir wollen Versöhnung, aber wir wollen sie gerne selber machen. Wir wollen nicht die Kontrolle verlieren. Wir wollen uns nicht ausgeliefert fühlen, abhängig sein von jemand anderem. Und zugleich spüren wir: Versöhnung, das ist ein so großes Wort und scheint doch viel zu klein für die vielen Stellen, an denen Versöhnung nötig wäre in dieser Karfreitagswelt, an diesem und den vielen alltäglichen Karfreitagen.

Nicht erst in Zeiten der jetzigen Coronakrise ist der Verteilungskampf entbrannt, aber wir sehen es zur Zeit besonders deutlich: Wer hat Schutzmasken? Wer braucht sie? Wer hat wo welche Beatmungsplätze, und wer darf diese im Ernstfall belegen? Wer soll welche Schulden zahlen? In der Flüchtlingspolitik konnte sich Europa nicht einigen. Wird es in der Zeit von Corona ein gemeinsames Handeln geben? Und wer ist schuld an der Ausbreitung von Corona?

Aber es geht auch alltäglicher: Kann es je Versöhnung geben mit der Mutter, mit dem Vater, mit der Tochter, mit dem Sohn mit denen ich seit Jahren zerstritten bin? Mit dem Bruder, den ich seit dem Erbschaftsstreit nicht mehr gesehen habe? Mit dem Exmann, mit dem ich nur über meinen Anwalt rede? Nur einige von vielen Beispielen. Versöhnung zwischen Familienangehörigen oder Freunden, so nötig, so schwierig, so unmöglich?

Wenn es schon im privaten Bereich so schwierig ist, wie soll es dann zwischen ganzen Völkern klappen? Wir haben es also weiß Gott schon schwer genug mit uns selbst hier auf Erden. Nun aber sollen wir uns noch mit Gott im Himmel versöhnen! Was hat er mit all dem Streit zu tun? Alles, meint Paulus; denn genau darum geht es zwischen Weihnachten und Ostern. Um die Versöhnung zwischen uns Menschen und Gott, um die Versöhnung von uns mit uns selber und untereinander. "Gott wird Mensch, dir Mensch zu gute," heißt es in einem Weihnachtslied. Gott wird Mensch, damit Menschen sich versöhnen können. Mit sich selber, miteinander und mit Gott. Denn alles drei hängt zusammen. Gott bleibt nicht in den himmlischen Höhen, sondern begibt sich selber in die Niederungen der Erde, mitten hinein in das ganze Geflecht aus Eifersucht und Neid, mitten unter die ewig unzufriedenen Menschen, die mit sich und der Welt nicht ins Reine kommen wollen und dem anderen die Butter auf dem Brot nicht gönnen. Gott hält sich nicht heraus aus den Konflikten, die dadurch entstehen. Gott zieht sich nicht zurück vor Hass und Gewalt. Gott setzt sich aus, er liefert sich uns unversöhnlichen Menschen aus. Dafür steht der Karfreitag. Wer auf den gekreuzigten Jesus blickt, sieht in seinem Kreuz das Leiden der ganzen Welt, ihr Leiden an der eigenen Unversöhnlichkeit. Warum dieses Leiden, fragen wir uns, warum diese Unversöhnlichkeit? Was macht es so schwer, einem anderen die Hand auszustrecken oder die ausgestreckte Hand zu ergreifen?

Sich zu versöhnen hat etwas mit Gnade zu tun, mit einem unverdienten Geschenk. Gnade ist das, was ich nicht selber machen kann, worüber ich nicht verfüge, was ich nur annehmen kann. Und genau das, nämlich ein Geschenk anzunehmen, ist schwerer als es klingt. Der eine oder die andere von uns kennt es vielleicht aus dem alltäglichen Umfeld: ein Lob anzunehmen, sich über ein Kompliment zu freuen, fällt vielen schwer. "Ach, das ist nicht der Rede wert" oder "Naja, ich bin froh, dass es geklappt hat!" sagen wir. Kaum eine oder einer, der sich von Herzen und offen freut über das Lob und die eigene Leistung - aus Misstrauen möglicherweise, weil wir ja niemanden so recht trauen können und denen, die loben, eher Schmeichelei unterstellen? Oder wir haben Angst, die anderen könnten nach einem Lob noch mehr von uns fordern und wir versagen dann?

Nelson Mandela hat in seiner Antrittsrede als südafrikanischer Ministerpräsident einmal gesagt: "Unsere größte Angst ist nicht, unzulänglich zu sein. Unsere größte Angst ist, grenzenlos mächtig zu sein. Unser Licht, nicht unsere Dunkelheit ängstigt uns am meisten. Wir fragen uns: Wer bin ich denn, dass ich so brillant sein soll?"

Er verweist damit auf eine Urerfahrung, ein Urwunsch von uns Menschen: Adam und Eva wollten sein wie Gott, sie aßen vom Baum der Erkenntnis. Sie waren wie Gott - und bekamen es mit der Angst zu tun und versteckten sich vor Gott. Erst der Übermut, alles zu können und zu wollen und dann kommt die Angst. Auch die Angst vor der eigenen Größe ist letztlich doch wieder die Angst, nicht zu genügen, den einmal gestellten Anforderungen nicht auf Dauer gewachsen zu sein, Angst vor dem Versagen, wenn es darauf ankommt. Wir haben Angst, aus den eigenen Gaben, aus dem, was wir geschenkt, mitbekommen haben auf dem Weg ins Leben, etwas zu machen. Wir haben Angst vor der Gnade, dem anderen etwas schuldig zu bleiben. "Das kann ich doch nicht annehmen," sagen wir dann. Wir wollen nichts umsonst, denn wir sind gewohnt an den Wechsel von Geben und Nehmen, Leistung und Gegenleistung. Gibst du mir, gebe ich dir. Dass mir einer etwas geben könnte ohne Leistung, einfach so - das mögen wir ja nicht einmal beim Schenken wirklich glauben. Selbst da rechnen wir oft genug, wie teuer war das wohl? Was muss ich beim nächsten Mal mitbringen, um das wieder auszugleichen? Aus Angst, sonst könnte es mir eines Tages vorgerechnet werden: "So viel habe ich für dich ausgegeben - und du?"

Aber auch die Gier, die manche geradezu berauscht, kommt von der Angst, der Angst, zu kurz zu kommen. Wir meinen dann, es wäre nur recht und billig, alles zu bekommen, was möglich ist, zu nehmen ohne schlechtes Gewissen. Wir leiten oft ein Recht davon ab, andere über den Tisch zu ziehen und uns auf Kosten anderer zu bereichern, weil es uns zusteht, so behaupten wir und wollen die Angst in uns nicht spüren. Sonst spürten wir tief in uns, dass ich von anderen abhängig bin, dass ich auf andere angewiesen bin. Und weil ich das nicht will, weil ich selbst stark, schön und erfolgreich sein möchte, ohne mich dafür bedanken zu müssen, reiße ich einfach alles an mich und erkläre es für meinen rechtmäßigen Besitz. Wenn sich andere übers Ohr hauen lassen, dann sind sie selbst Schuld. Mein Haus, mein Auto, meine Familie, meine Urlaubsreisen, mein Klopapier, alles meins, selbst erarbeitet. Aber wehe, einer dieser Lebensbereiche zerbricht. Wer bin ich dann noch?

Alles das, die Angst vor der Schwäche wie die Angst vor der Stärke, die Angst davor, zu viel zu verschenken, die Angst, ein Geschenk anzunehmen oder zu kurz zu kommen, all diese Angst macht uns unfrei und unversöhnlich, weil uns das Vertrauen fehlt. Daran leiden alle Friedensbemühungen, im Kleinen wie im Großen, daran scheitern sie, am fehlenden Vertrauen. Erst die Vorleistung - dann die Gegenleistung. Erst du, dann ich. Erst ihr, dann wir. Wenn, dann. Aber so kann die Rechnung niemals aufgehen, so ist Versöhnung nicht möglich.

Karfreitag erinnert uns daran, ruft es uns jedes Jahr neu ins Bewusstsein. An Karfreitag ist Gott in die Vorleistung bis zum Äußersten gegangen. Er gibt nicht nur seine Göttlichkeit preis, sondern auch noch die Unsterblichkeit, ohne zu fragen, was bekomme ich dafür. Für Gott ist nicht entscheidend, wer angefangen hat, sondern wer aufhören kann, wer die Versöhnung in Gang bringt. Und deshalb kann Gott alles einsetzen, sogar sich selbst. Gott ist kein unverwundbarer Heldengott, der mit der Faust mal ordentlich auf den Tisch haut und aller Welt endlich klar macht, wer der Herr ist. Er ist ein leidender Schmerzensmann. Ganz Mensch - im Leben und im Sterben. Er lässt sich von der menschlichen Bosheit ans Kreuz nageln und wehrt sich nicht. Indem wir Menschen das Kreuz meditieren, offenbart es uns, wozu wir Menschen fähig sind. Das ist nicht schmeichelhaft und erschreckt uns, weckt Widerstand. Können wir jemanden vertrauen, den wir so geschändet haben? Müssen wir nicht vor Scham in den Boden versinken? Dazu erleben wir in Jesus einen Gott, der sich uns Menschen ausliefert, der auf die Kontrolle verzichtet. Für uns ist das eine Zumutung. Aber in seinem Leben hat Jesus wie kein anderer Vertrauen, nein, nicht gelehrt, sondern gelebt, vorgelebt. Vertrauen ohne Vorleistung, Versöhnung ohne Bedingungen. In Jesus sucht Gott die Orte von uns unversöhnten Menschen auf. Er stellt sich an unsere Seite mit unseren Schatten. Er motiviert nicht unsere guten Seiten, die bekanntlich in jedem Menschen stecken, sondern stellt sich auf die Seite unserer Unversöhntheit. Der Vorwurf, Jesus sei ein Geselle der Sünder und Zöllner gewesen ist ja keine üble Nachrede, sondern trifft ins Mark. Kein Mensch, dem sich Jesus zuwendet, seien es Huren, Zöllner, Ausgestoßene oder andere Außenseiter, keiner wird einer Prüfung unterzogen, einem Gesinnungstest, einer Bewährungsprobe. Sie müssen nicht beweisen, ob sie sich und wie sie sich geändert haben. Dass sie sich auf ihn einlassen, seiner Zuwendung antworten, ist Beweis genug. Die vielen Namenlosen in den Geschichten, erleben unterschiedliches mit Jesus, aber ihre Erfahrung ist dieselbe: Deine Sünden sind dir vergeben - ohne Beichte und Reue. Dein Glaube, also dein Vertrauen ist groß - ohne Bekenntnis. Ob verkrüppelte Hand oder römischer Hauptmann. Selbst der Verbrecher, der neben Jesus gekreuzigt wird, macht in seiner letzten Stunde diese Erfahrung: "Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein, versöhnt." Es gibt kein "zu spät" für die Gnade, es ist nie zu spät, Vertrauen zu wagen.

Lasst euch versöhnen mit Gott, heißt nichts anders, als sich auf ein solches Vertrauen einzulassen. Darum wirbt Paulus, ja er beschwört seine Gemeinde geradezu. Auch in der christlichen Gemeinde stehen sich Einzelne und Gruppen unversöhnlich gegenüber; ob es um Streitigkeiten ganz privater Natur geht oder um die Frage, wie politisch denn die Kirche sein darf, soll oder muss. Und da gibt es noch die Verdächtigungen: du bis nicht auf dem Glaubens- sondern auf dem Holzweg.

Christ sein bedeutet, immer neu Christ zu werden; der Glaube ist kein Besitz, auch er wandelt sich. Und die Erkenntnis: "Ja, auch ich lebe aus der Gnade, aus dem, worüber ich selbst nicht verfügen kann", auch diese Erkenntnis besitzen wir nie ein für alle Mal. Sie erschließt sich uns immer wieder neu, in der persönlichen und ganz konkreten Lebenssituation. Zum Beispiel in einer Lebenssituation, in der mir deutlich wird, wie sehr ich Versöhnung nötig habe mit meinen Verletzungen und eigenen Ängsten, zu schwach, zu stark, jedenfalls nicht richtig zu sein. Mit dem Vertrauen, dass ich mitsamt meinen Abgründen, Schwächen und Stärken geliebt bin, könnte ich die Angst verlieren und Vertrauen wagen - auch anderen gegenüber. Ich müsste nicht darauf bestehen, im Recht zu sein, nicht darauf beharren, dass der andere den ersten Schritt tun muss. Ich könnte ihn selber tun und der Mutter, dem Vater, der Tochter oder dem Sohn sagen, was mir an ihr oder ihm solche Angst macht, dass es mir die Kehle zuschnürte - aber dass ich jetzt auch versuche ihre/ seine Ängste zu verstehen. Ich könnte mit dem Bruder darüber sprechen, warum wir beide immer Angst hatten, zu kurz zu kommen, gemeinsam mit ihm die Geschichte unserer Kindheit erzählen und versuchen zu verstehen. Ich könnte meinen Exmann fragen, wo ich seine Gefühle so verletzt habe, dass er sich hinter juristischen Papieren verschanzt und ihm von meinen Verletzungen erzählen, ohne bei den alten Vorwürfen zu landen.

Was im kleinen gelingt, kann auch im großen gelingen, auch wenn es kaum so erscheint. Nelson Mandela zum Beispiel hat es bewiesen. Er hatte seine eigenen Karfreitagserfahrungen. Mit seinen schwarzen Geschwistern wurde er gedemütigt, saß Jahrzehnte lang im Gefängnis, aber nie hat er den Mut und den Willen zur Versöhnung aufgegeben. Damit hat er letztlich auch seine Gegner überzeugt und ermutigt, ihnen die Angst genommen und ihr Vertrauen gestärkt. Und er verhinderte so ein Blutvergießen bei der Umgestaltung Südafrikas. In seiner Antrittsrede sagte er weiter: "Es dient der Welt nicht, wenn du dich klein machst. Wenn wir unser Licht scheinen lassen, geben wir anderen unbewusst damit die Erlaubnis, es auch zu tun. Wenn wir von unserer eigenen Angst befreit sind, befreit unsere Gegenwart automatisch die anderen."

Menschen von der Angst zu befreien, ihnen die Erlaubnis zu geben, sie selber zu sein, das hat Jesus immer wieder getan. In ihm hat sich Gott ganz klein gemacht, klein wie ein Kind in der Krippe, damit sich kein Mensch mehr klein machen lassen muss und damit kein Mensch andere klein machen muss. Damit Vertrauen wachsen kann, damit die Bereitschaft wachsen kann, sich beschenken zu lassen. Damit Versöhnung in unserem Alltag möglich und somit konkrete Erfahrung wird: So bitten wir nun an Christi statt: lasst euch versöhnen mit Gott!

Und menschliche Versöhnungsarbeit endet dort, wo wir unsere Unvollkommenheit, unsere Bruchstückhaftigkeit akzeptieren, um so unsere wundgeschlagene Lebensgeschichte einschließlich deren Schuldgeschichte als die unsere annehmen und uns mit ihr versöhnen zu können.

Menschliche Versöhnungsarbeit endet so in der Erkenntnis, ich brauche Christi Kreuz, weil er dort steht wo ich nicht stehen kann, er steht mir bei und für mich ein. Am Kreuz nimmt er meine Schuld auf sich, und zugleich hilft er mir mein erlittenes Unrecht zu tragen. Christus wird so zu meinem Stellvertreter. Ich darf das zulassen, dass er das für mich tut, was ich selbst nicht kann. Ich darf abhängig sein von der Liebe Gottes. Ich darf Vertrauen wagen.

Amen.

 

Lied: 585, 1 - 4 Das Weizenkorn muss sterben

 

Gebet:

Gott, wir gedenken heute der Kreuzigung deines Sohnes, der unsere Schuld trug, damit wir versöhnt sind und bitten dich um dein Erbarmen.

Gedenke derer, die sich einsetzen für andere, im Kleinen wie im Großen. Wir denken besonders an die Ärzte und an das Pflegepersonal in den Krankenhäuser, die um das Leben so vieler Menschen kämpfen. Achte auf sie, dass sie daran nicht zerbrechen. Lass ihren Einsatz Früchte tragen.

Wir bitten dich: Erbarme dich Gott.

Schaue auf die, die zu Tätern werden, die anderen - Nahen und Fernen - Schaden zufügen, weil sie gefangen sind in ihren eigenen Fragen, die sich unter Druck fühlen und Angst vor Konflikten haben.

Öffne ihnen Wege aus Schuld und Verstrickung.

Wir bitten dich: Erbarme dich Gott.

Sieh an, die vielen Opfer, die dem Druck der Konkurrenz nicht gewachsen sind, die gedemütigt werden in der Schule, bei der Arbeit, in der Nachbarschaft, dass sie unter ihrem Leiden nicht zugrunde gehen, dass sie ihre Sorgen dir anvertrauen.

Wir bitten dich: erbarme dich Gott.

Unter dem Kreuz deines Sohnes, der unsere Schuld trug, damit wir versöhnt werden, danken wir für seine Hingabe, die uns heilt durch seine Liebe und uns Wege zum Heil und zum Vertrauen eröffnet.

Öffne deine Arme weit und umarme unsere gequälte Welt.

Und so beten wir gemeinsam:
Vater unser.....

 

Bleiben Sie gesegnet und lassen Sie sich versöhnen
Ihre Pfarrerin Ursula Wilhelm